Walter Ludin

Jacqueline träumt von der Kirche

An der St. Galler Kirchendemo trug die Luzerner Theologin und Schriftstellerin Jacqueline Keune ihre Kirchenträume vor. Und alle waren begeistert. Hier ein Ausschnitt:
Ich wünsche mir eine Kirche, deren sakrale Räume nicht Ästhetik, sondern Geist atmen. In denen nicht nur Bänke, sondern auch ein paar einfache Tische und Stühle stehen, an denen Menschen sich begegnen können.
Und in deren Ecken ein paar warme Decken liegen.
Ich wünsche mir eine Kirche, deren Gottesdienste keine prunkvollen Gewänder brauchen und nicht einsam durchkomponiert sind, sondern in denen wir schlicht unsere Gebete zusammenlegen – unser Glück und unseren Schmerz.
In denen uns eine Verkäuferin oder ein Krankenpfleger das Evangelium vorliest, wir Brot und Nähe teilen und Alltagsmut schöpfen aus dem Miteinander.
Ich wünsche mir eine Kirche, deren Gläubige sich nicht bevormunden lassen, sondern sich ihrer Würde als Töchter und Söhne und  ihrer Freiheit  als Kinder Gottes bewusst sind.
Die sich nicht länger disziplinieren lassen, weil sie in ihren Beziehungen gescheitert sind oder weil sie lieben, wen sie lieben.
Ich  wünsche mir eine Kirche, deren Vereine und Gruppen in Richtung Reich Gottes unterwegs sind und Zeugnis geben für die Hoffnung.

Die für Frieden in Syrien und der Ukraine beten, die Briefe für Amnesty schreiben, an Mittagstische laden, mit Einsamen aushalten, Ferien für Alleinerziehende und ihre Kinder auf die Beine stellen, zur Freundschaft mit Fremden anstiften und laut die Ursachen des Unrechts beim Namen nennen.

Ich denke, der Mann aus N. hat vor 2000 Jahren von einer ebensolchen Kirche geträumt, freilich ohne sie Kirche zu nennen.

12. März 2014 | 01:56
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
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