Sarah Münch Cobos

Ist Gott tot?

Als ich an einem regnerischen Montag aus meiner Vorlesung kam, den Kopf voller Dinge, die ich noch zu erledigen hatte, sah ich auf der Treppe einen Mann. Er ging etwas unsicher Richtung Ausgang und ich beschloss, mich ihm anzuschliessen und ihm meine Hilfe anzubieten, da ich noch etwas Zeit hatte, bis mein Zug fuhr. Als ich mich ihm näherte, erkannte ich, dass er blind war. Ich erbot mich, ihm zu helfen und ihn zur Tram zu begleiten, was er dankend annahm. Wir sprachen über die Uni, Bologna, das Studium und Gott.

Schicksal – und plötzlich ist alles anders

Er erzählte mir, wie er als junger Mann voller Elan und Tatendrang gewesen war und glücklich nach dem Gymi sein Studium in Jus begonnen hatte. Wie er gute Noten geschrieben hatte und sich freute, neue Freunde gefunden zu haben. Regelmässig besuchte er Gottesdienste und beschrieb sich selbst als gläubig. Doch dann der Schock. Durch einen schrecklichen Unfall verlor er sein Augenlicht.

Er viel in eine tiefe Depression, verlor seinen Studienplatz und viele seiner neuen Freunde. Der Glaube an einen Gott, der so etwas zuliess war weg. Er fühlte sich ganz allein, verlassen von allen, selbst von Gott.

Gottes Wege sind unergründlich

Lange Zeit vegetierte er nur noch dahin, hatte keine Lust mehr zu leben. Dank einer Therapie lernte er mit seiner Blindheit umzugehen, lernte neue Menschen kennen und fand seinen Lebensmut wieder. Sein Groll auf Gott flaute ab und er suchte nicht mehr verzweifelt nach dem Warum, sondern versuchte zu sehen, welche Vorteile ihm Gott damit gegeben hatte.

In einer Therapiesitzung traf er eine junge Frau, die ebenfalls erblindet war. Dieses Zusammentreffen war der Wendepunkt. Nun hatte er verstanden, warum Gott dies zugelassen hatte. Nur auf diesem Weg hatte er seiner jetzigen Frau begegnen können. Die beiden begannen auszugehen und erfreuten sich ihres Glücks. Und der junge Mann? Er hatte seinen Glauben an Gott wiedergefunden.

Liebe, Hoffnung, Glaube – Gottes Lebenszeichen

«Heute», sagt er, ” heute erfreue ich mich an den kleinen Dingen des Lebens. An unerwarteten Begegnungen, an netten Menschen, die hilfreich eine Hand ausstrecken, an meiner Frau, wenn ich nach Hause komme und sie mich wie immer begrüsst. Gott mag mir das Augenlicht genommen haben, doch er hat mir viel mehr zurückgegeben. Er gab mir eine Frau, ein Zuhause, eine Familie. Er gab mir Liebe, Hoffnung und Glauben.»

Er sagt weiter, wenn einem etwas schreckliches passiert, darf man nicht ständig nach dem Warum fragen und Gott anzweifeln. Tut man das, so könnte man die Zeichen, die er uns sendet, übersehen und den Sinn von Gottes Taten nie verstehen. Gott ist allgegenwärtig. In den kleinen Dingen des Lebens zeigt er uns, dass er uns nicht vergessen hat und dass er schützend seine Hand über uns hält.

Blind | © AKuptsova Pixabay, CC0
23. Oktober 2016 | 13:43
von Sarah Münch Cobos
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