George Francis Xavier

Ist Gott mit uns?

Gleich zu Beginn der Weihnachtserzählung des Lukas Evangeliums wird uns erzählt, dass in der gesamten römischen Welt eine Volkszählung stattfand. Die von Kaiser Augustus angeordnete Volkszählung war die erste ihrer Art. Sie wurde durchgeführt, weil die römische Regierung sichergehen wollte, dass jeder im Reich seine Steuern korrekt bezahlt. Die Volkszählung wurde im ganzen Reich (dem grössten Teil Europas) durchgeführt: in Palästina wurde sie jedoch eher auf jüdische als auf römische Art und Weise realisiert. Das bedeutete, dass die Familien sich in ihrer Stammes-Stadt registrieren lassen mussten und nicht dort, wo sie lebten.

In Indien gibt es in diesen Tagen Proteste. Genau wie bei dieser von Lukas erwähnten Volkszählung müssen sich die Menschen in Indien möglicherweise an ihrem Geburtsort und nicht an ihrem Wohnort registrieren lassen. In einem solchen Fall könnten Millionen in Indien staatenlos werden, indem sie ihrer demokratischen Rechte beraubt würden. Aber all jene Immigrantinnen und Immigranten, die sechs Jahre lang in Indien gelebt haben, mit Ausnahme von Menschen einer bestimmten Religion, dürfen die indische Staatsbürgerschaft annehmen. Im nordöstlichen indischen Bundesstaat Assam werden Hafteinrichtungen für diejenigen gebaut, denen die Staatsbürgerschaft verweigert wird. Alles dank des neuen Gesetzes, das die indische Regierung eingeführt hat: Das Staatsbürgerschafts-Änderungsgesetz.

Die Volkszählung zurzeit von Jesu Geburt bedeutete, dass Joseph und die hochschwangere Maria von Nazareth nach Bethlehem hätten reisen müssen, da dies die Stadt war, aus der Josephs Familie ursprünglich stammte – eine Reise von etwa 112 Kilometern. Und inmitten dieser Ungewissheit wird Jesus geboren, der Immanuel.

Immanuel bedeutet «Gott-mit-uns». Es ist nur ein Eintreten in die Schuhe anderer, um meinen Mitmenschen zu verstehen. Es ist Weihnachten. Die Distanz zwischen ›du und ich’ wird auf ›wir’ reduziert: Gott-mit-uns.

Ich habe während der friedlichen Proteste in Indien einige kreative Poster und Plakate bei den Demonstranten gesehen. Sie erklären, wie einige versuchten, mit denen eins zu werden, die am verlorenen Ende ihres Lebens stehen. Für uns in diesen Weihnachtstagen etwas zum Nachdenken!

«Die Situation ist so schlimm, dass sogar die ›Privilegierten’ auf der Strasse sind»,

«Ich bin Arzt, und ich habe ein anständiges Leben, trotzdem bin ich mit ihnen unterwegs»,

«Auch wenn ich ein introvertierter Mensch bin, muss ich jetzt bei den Geschlagenen sein.»

Gott ist dann mit uns.

Kirppe © Beat Pfammatter, 2010
25. Dezember 2019 | 01:32
von George Francis Xavier
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