Walter Ludin

Ist der Papst mit seiner Kapitalismus-Kritik auf Abwegen?

Er sei Marxist, wurde Papst Franziskus wegen seinem Schreiben «Evangelii Gaudium» vorgeworfen. Und er verstehe nichts von Wirtschaft. Der dt. Theologe Kuno Füssel, der wegen seiner befreiungstheologischen Ausrichtung keinen Lehrstuhl bekam, sieht es völlig anders. Einige Abschnitte aus seinem sehr fundierten Kommentar:
 Bis heute verschweigen die Vertreter der katholischen Soziallehre keineswegs die sogenannten Auswüchse des Kapitalismus und sein Versagen. Sie befürworten daher die »Zähmung des Raubtieres«, sehen aber nicht, dass dies auf Dauer nicht gelingen kann, weil sie dem Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsweise widerspricht. Der neue Papst bringt es hingegen auf den Punkt: »Diese Wirtschaft tötet«. Kapitalismus führt zu Gewalt
Kapitalistische Wirtschaft funktioniert nach dem Gesetz der bedingungslosen Konkurrenz; sie kurbelt permanent die Entwicklung des militärisch-technologischen Komplexes an; sie inszeniert eine Wegwerfgesellschaft, in der nicht nur Lebensmittel, sondern sogar Menschen wie Müll behandelt werden. Seine Schlussforderung ist daher unmittelbar einleuchtend: »Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden« (EG, Kapitel IV, 202).
Frohe Botschaft «materialistisch»
(Im Volk kommt die Kirche mit dem leidenden Leib Christi in Berührung …) (EG, Kapitel I, 24).
Was hier in theologischer Sprache formuliert ist, bedeutet nichts anderes, als dass die katholische Kirche ihre eigentliche Existenz in der Solidarität mit den Leidenden und Unterdrückten findet. Jede Kirche, die von diesem Kriterium absieht und die frohe Botschaft nicht als materialistische frohe Botschaft verkündet – Ende von Armut, Ausbeutung und Unterdrückung –, also nicht praktisch werden lässt, verfehlt ihr Wesen.

5. Januar 2014 | 01:46
von Walter Ludin
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