Walter Ludin

Ist der Islam anti-demokratisch?

Ist der Islam mit einer politischen Ordnung der Demokratie vereinbar? In Deutschland sagt die AfD Nein. Rainer Hermann widerspricht in der FAZ (einer Zeitung, die ja keineswegs links und politisch naiv ist….)
Die Frage, ob Islam und Demokratie vereinbar sind, ist einfach zu beantworten: Der dogmatische Islam ist es nicht, der historische Islam aber sehr wohl. Der dogmatische Islam ist ein geschlossenes System von Werten und Normen, das in vormoderner Zeit entstanden ist und sich als politische Ordnung eine Theokratie gegeben hat.
In diesem System verkörpern die Offenbarungen, die von Allah unmittelbar auf die Erde gekommen sein sollen, ewige Wahrheiten; sie bilden den Rahmen für ein «Gottesrecht», das über dem von Menschen geschaffenen Recht steht.
Der historische Islam hingegen, dessen Entwicklung wenige Jahrzehnte nach dem Tod des Propheten Muhammad eingesetzt hat, sei eine Religion, die sich ständig an neue Bedingungen und historische Umstände angepasst habe, schreibt der säkulare syrische Philosoph Sadiq al Azm, der heute in Berlin lebt. Dieser Islam ist mit Diktaturen ebenso vereinbar wie mit einer modernen Demokratie.
Mit ihrer Religion können die Muslime ebenso gut Untertanen sein wie gute Demokraten. Nicht Muslime sind undemokratisch, sondern die Regime, in denen sie leben.
Das Missverständnis, dass der Islam grundsätzlich nicht mit Demokratie vereinbar sei, geht auf die Entstehungsgeschichte des Islams zurück. Muhammad, der von 570 bis 632 lebte, hatte eine neue monotheistische Religion und ein neues politisches Gemeinwesen begründet.
Beide, der Islam und die Urgemeinde von Medina, entstanden gleichzeitig, und die neue Religion manifestierte sich in der neuen politischen Ordnung. Muhammad war Prophet und Führer dieses Gemeinwesens. Er legte die Praxis der Religion fest; in einer weitgehend rechtlosen Zeit mit endlosen Stammesfehden entwickelte er stabile staatsähnliche Strukturen, in denen Recht galt, und er führte Kriege.
Die politische Ordnung
Der Islam und das neue, islamische Gemeinwesen waren eng miteinander verflochten. Das änderte sich nur wenig unter Muhammads ersten Nachfolgern, den «vier rechtgeleiteten Kalifen», die bis 661 in Mekka herrschten. Danach löste sich die enge Verflechtung von Islam und Staat. Bereits die Omayyaden regierten von 661 bis 750 in Damaskus als weltliche Herrscher. Das war möglich, weil der Koran keine Vorschriften über eine gottgewollte politische Ordnung enthält. Zudem hatte Muhammad keinen Nachfolger benannt, was nach seinem Tod zu blutigen Auseinandersetzungen rivalisierender Gruppen führte.
Der Islam gibt kein eindeutiges politisches Modell vor. Der Slogan, der Islam sei «din wa-daula», also gleichzeitig «Religion und Staat», ist die Schöpfung von Islamisten, die im 19. Jahrhundert den Kampf gegen die Kolonialmächte aufgenommen hatten und forderten, an die Frühzeit des Islams anzuknüpfen, also etwa die Trennung von Religion und Staat aufzuheben. So wollten sie dem übermächtigen Westen eine eigene islamische, in sich ruhende Welt entgegenstellen.
Erst Vordenker des politischen Islams – wie Abul Ala Maududi (1903 bis 1979) und Sayyid Qutb (1906 bis 1966) – haben den Anspruch erhoben, dass der Islam alle Aspekte des Lebens regle. Erst Islamisten der Moderne behaupten – wie es auch Islamkritiker tun -, dass der Islam als einzige legitime Form einen Gottesstaat vorsehe und dass es für diesen nur ein einziges islamisches
Deutliche Trennung zwischen geistlicher und politischer Herrschaft
Der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer verwirft in seiner Monographie zur «Kultur der Ambiguität» in der islamischen Welt diese Behauptung als «heute so falsch, wie sie es in der Geschichte war». Beinahe über die gesamte islamische Geschichte habe eine deutliche Trennung zwischen geistlicher und politischer Herrschaft bestanden, schreibt Bauer.
Er stellt der Annahme, ein islamischer Gottesstaat (civitas Dei) sei die einzige legitime Form von Herrschaftsausübung für die Muslime, die breite Pluralität im Diskurs über politische Herrschaft in der Geschichte des Islams entgegen. An diesem Diskurs haben sich neben den islamischen Theologen vor allem Juristen, Philosophen, Historiker und Literaten beteiligt. Sie alle und nicht nur die Theologen spiegeln das politische Denken ihrer Zeit wider.
Bauer bezeichnet die Dichtung – und dort vor allem die Gattung des Herrscherlobs – als die wichtigste und zuverlässigste Quelle für das Bild, das die Herrscher in der islamischen Geschichte von sich hatten. Religion habe dabei eine nur geringe Rolle gespielt, oft auch keine. Der ideale Herrscher war der, der effizient regierte und entschlossen führte. Diese panegyrische Literatur war aus Bauers Sicht ein völlig säkularisierter Diskurs über Politik.
Für Ibn Nubata (1287 bis 1366), den ägyptischen Verfasser von Herrscherratgebern, waren es die menschlichen Leidenschaften, die die Geschichte vorantrieben.
Zwei Jahrhunderte bevor Niccolò Machiavelli (1469 bis 1527) sein Meisterwerk «Il Principe» schrieb, nahm Ibn Nubata in der islamischen Welt dessen Staatsphilosophie der Renaissance vorweg. Ein weiteres säkulares Geschichtsbild entwickelte Ibn Khaldun (1332 bis 1406), der als erster soziologischer Historiker nach den Ursachen gesucht hat, die zum Aufstieg und Untergang von Dynastien geführt haben.
Das Verständnis vom «Islamischen» hat sich weiterentwickelt
Ibn Nubata und Ibn Khaldun haben mit ihren säkularen Konzeptionen von Politik und Herrschaft den politischen Diskurs ihrer Zeit geprägt. Beide behandelten Politik als eigenständige Sphäre und nicht als Teil der Religion. Proteste der islamischen Theologen hat das nicht ausgelöst, auch keine Kontroversen. Allgemeingut war geworden, die Herrschaft als legitim anzuerkennen, die sich in einer Zeit durchgesetzt hat.
Welche Macht auch immer eine Epoche hervorgebracht hat, sie wurde automatisch und selbstverständlich als eine «islamische» verstanden – auch wenn sie mit der Urgemeinde von Medina nichts mehr zu tun hatte. Denn wenn etwas ist, muss es auch gottgewollt sein. Das Verständnis von dem, was «islamisch» ist, hat sich mit der Zeit weiterentwickelt.
In der Frühzeit des Islams hatte Religion die Politik geführt, das kehrte sich mit der Zeit aber um. Dann liessen sich autoritäre Herrscher durch den Islam legitimieren. Sie kooptierten die Geistlichkeit und banden – das geschieht noch heute – die Gläubigen so an sich. Die Theologen stellten, zumindest im sunnitischen Islam, keine Ansprüche mehr, sondern stellten sich in den Dienst der Herrscher ihrer Zeit.
Denn immer mehr schälte sich bei der grossen Mehrheit der Muslime als Konsens heraus, dass sich der Islam nicht in der Wiederherstellung der Urgemeinde manifestieren müsse, sondern dass jede Ordnung zu akzeptieren sei, die es einem Muslim ermögliche, die «fünf Pfeiler» des Glaubens zu erfüllen, die den Kern des Islams ausmachen.
Diese Prinzipien sind mit vielen politischen Ordnungen vereinbar. Aus ihnen können jedoch nicht für die Demokratie konstituierende Merkmale wie Volkssouveränität und individuelle Selbstbestimmung abgeleitet werden.

4. Mai 2016 | 01:57
von Walter Ludin
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