Walter Ludin

«Ist das Leben nicht schön?/It's a wonderful life»

(Ich erzähle zuerst von den Hirten; vgl. Blog von gestern)
Es ist kein Zufall, dass die Bibel berichtet, dass solche wenig angesehenen Leute als erstes die weihnachtliche Frohbotschaft hörten. Denn Jesus war, wie er selber öfters betonte, gesandt zu den Armen, den Ausgestossenen, zu jenen, die wenig bis nichts galten. Dies ist bis heute die Botschaft von Weihnachten:
-Jeder Mensch hat seine Würde, nicht weil er gut und brav und fromm ist, sondern schon deshalb, weil er ein menschliches Wesen und ein Geschöpf Gottes ist.
– Jeder Mensch hat seine Existenzberechtigung, auch dann, wenn er nicht mehr gesellschaftlich nützlich ist.
– Und auch: Jeder Mensch hat seine guten Seiten.
– Aber ebenso: Jeder, auch der Kleinste, ist für etwas gut.
 Ich möchte jetzt dies alles nicht theologisch, psychologisch, soziologisch oder sonstwie logisch begründen. Erlauben Sie mir, dass ich es an Beispiel eines Filmes erläutere. Der Film ist uralt – fast so alt wie ich … Frank Capra hat ihn 1946 gedreht und ihm den Titel gegeben: «It’s a wonderful life»; auf Deutsch: «Ist das Leben nicht schön?». Es gibt Kritiker, die ihn als den besten Film aller Zeiten einstufen. Ganz kurz und etwas vereinfacht der Inhalt:
George, ein angesehener Bürger der Stadt, wird ausgerechnet an Heiligabend mit dem Vorwurf konfrontiert, 8000 Dollar veruntreut zu haben – eine damals horrende Summe. Er muss das Geld sofort zurück geben, was unmöglich ist. So wird er ins Gefängnis kommen. Welche Schande! George will nicht mehr leben, ja er meint, es wäre viel besser, wenn er nicht geboren wäre. Er beschliesst, sich umzubringen.
Doch da greift der  Engel Clarence ein. Er erinnert George an sein Leben – und, dies ist das Raffinierte des Films – er zeigt ihm, wie die Welt aussehen würde, wenn es George tatsächlich nicht gegeben hätte. Nur drei der vielen Episoden:
–       George hat als Kind seinen Bruder gerettet, der auf dem Eis eingesunken war. Sein Bruder wiederum rettet im Krieg zahlreichen Menschen. Also: Wenn es George nicht gegeben hätte, hätten viele Menschen sterben müssen.
–       George hat eine Bibliothekarin geheiratet und sehr glücklich mit ihr gelebt. Der Engel zeigt, was mit dieser Frau geschehen wäre, hätte er sie nicht geheiratet – weil es ihn ja nicht gegeben hätte: Sie sitzt einsam bei ihren Büchern, trippelt verbittet, gebückt und  todunglücklich durchs Leben.
–       Und schliesslich: George hatte als Chef einer Wohnbaugenossenschaft unzählige Wohnungen renoviert und sie Armen gegeben. Der Engel führt ihn vor eine riesige Ansammlung von zerfallenen Häusern. So würde die Stadt aussehen, wenn George nicht auf der Welt gewesen wäre.
George sieht ein, dass sein Leben einen Sinn hatte und sicher weiterhin hat. So entschliesst er sich, weiterzuleben. Als er nachhause kommt, trifft er eine festlich gestimmte Menge. Alle hatten Geld gebracht, damit George das Geld zurückgeben konnte, das man von ihm gefordert hatte.
 Auch am gestrigen Heilig-Abend wurde dieser Film weltweit von Dutzenden von Fernsehsendern ausgestrahlt. Nicht nur, weil er an diesem besondern Abend spielt. Der Grund ist auch: Er illustriert auf kreative, völlig unfromme Weise die Weihnachtsbotschaft, wie ich sie vorhin formuliert habe. Die Einsicht, dass jeder Menschen wertvoll ist; dass jeder in seinem Leben Wertvolles, Gutes getan hat.
Lassen Sie mich dies nochmals kurz erklären.
«Mach es wie Gott. Werde Mensch.» So las ich vor etwa 20 Jahren wohl auf jeder dritten Weihnachtskarte als Kommentar zur Menschwerdung Gottes. Ich möchte den Spruch weiterführen:
«Lebe so, dass du andern hilfst, menschlich zu leben.»
Doch: Dieser Satz tönt moralisierend. Im Sinne unseres Filmes will ich ihn umformulieren: «Du bist ein Mensch, der im Leben vielen Menschen geholfen hat, glücklich zu.» Aber: Wie George weisst du es vielleicht nicht. Wie er, hast du es vielleicht vergessen.
 
Darum meine Vorschläge:
–       Denken wir in einer stillen Stunde darüber nach, was uns im Leben gelungen ist. Stellen wir uns in der Phantasie vor, wie unsere Umgebung aussehen würde, wenn es uns nicht gäbe; welche lieben Menschen nicht da oder wie sie einsam wären. Ich bin sicher: Jeder, jede findet in seiner persönlichen Geschichte etwas, was positive –  wir sagen heute – nachhaltige Folgen hat.
–       Und als letztes, aber Wichtiges: Haben wir den Mut, Mitmenschen zu sagen, was sie für uns bedeuten. Erinnern wir sie daran, was sie für uns getan – und vielleicht längst vergessen haben.
Dann wird das Fest der Menschenwerdung Gottes zu einem Fest, an dem wir glücklichere Menschen werden und andere glücklicher machen. Dass wir voller weihnachtlicher Freude sagen dürfen: «Ist das Leben nicht schön!»
Langnau i. E. 10 00 Uhr; Kloster Gerlisberg Luzern 17 Uhr

25. Dezember 2015 | 00:04
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 3  Min.
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