Sibylle Hardegger

Interview mit Kurt Kardinal Koch

Anlässlich des Olavsfestes Ende Juli in Trondheim konnte ich Kurt Kardinal Koch im Auftrag der Jesuitenzeitschrift Signum (www.signum.se) interviewen. Das Interview wurde am 5.September veröffentlich und wird hier in der vollen Länge (in zwei Teilen) wiedergegeben.
Sibylle Hardegger: Seit 1 Jahr sind Sie Präsident des päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und für den Dialog mit den Juden. Welche Erfahrungen haben Sie für sich selber in diesem Jahr gemacht?Kurt Kardinal Koch: Der päpstliche Rat führt insgesamt 16 verschiedene Dialoge und dazu kommt noch die Kommission mit den Juden. Bis ich da alle einmal kennen gelernt habe, dauert es eine Zeit. Im ersten Jahr ist mir das nicht gelungen. Erst, wenn ich alle Gesprächspartner einmal getroffen habe, kann ich wirklich darüber sprechen. Es zeigt wie vielfältig die ganze Ökumene und die Arbeit ist, denn die verschiedenen Dialoge haben auch ganz unterschiedliche Themen. Wir haben im Rat zwei grosse Abteilungen – Ost und West, gemäss den zwei Grundtypen der Kirchenspaltung zwischen Ost und West derjenigen im 11.Jahrhundert und im 16.Jahrhundert. Da ergeben sich ganz verschiedene Themen. Beim Dialog mit den Orthodoxen ist es vor allem die Frage des Primates. Bei den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen muss man viel grundlegender darüber miteinander ins Gespräch kommen, was Kirche ist. Soviel vielleicht zum Inhalt und dann will ich sagen, Ökumene gelingt nur durch persönliche Beziehungen, deshalb muss ich viel reisen und bin viel unterwegs, habe sehr viele Kontakte und das ist sehr sehr bereichernd.
Wie unterscheiden sich die Fragen in der Ökumene, mit denen Sie sich jetzt konfrontiert sehen gegenüber jenen, die sich stellen als Sie noch Bischof waren?Damals war es der Dialog mit den Reformierten Kirchen in der Schweiz, vielleicht noch ein bisschen mit den Altkatholiken in der Schweiz. Das ist natürlich ein ganz kleines Segment. Wenn man die ganze weltweite Ökumene ansieht, merkt man auch, dass die Reformierten in der Schweiz im ganzen reformierten Pluriversum schon ein Sonderfall sind. Ein Dialog der nicht ganz einfach ist. Der Weltprotestantismus zeigt keine Tendenz auf mehr Einheit unter den Protestanten, sondern eine riesige Fragmentierung. Es entstehen immer neue Kirchen. Fast jeden zweiten Monat bekomme ich Briefe von neu gegründeten lutherischen Kirchen, reformierten Kirchen, anglikanischen Kirchen, die auch in den Dialog mit uns eintreten wollen. Das ist auf der einen Seite eine schwierige Situation, da wir niemandem die Türe zu halten wollen, auf der anderen Seite stehen wir im Dienst der Einheit und nicht der Diaspora. Da ist es nicht der Sinn, dass immer neue Kirchen entstehen. Es ist eine ganz grosse Herausforderung im Weltpluriversum der Protestanten hier Wege zu finden.
Es wird oft gesagt, dass wir uns derzeit in einer eher schwierigen Phase für die Ökumene befinden. Der ökumenische Elan nach dem II. Vatikanischen Konzil ist weg und die jüngere Generation scheint grösseren Wert auf konfessionelle Profilierung als auf ökumenische Einigung zu legen. Wie schätzen Sie die Lage heute ein?In der Frage ist schon enthalten wie vielfältig und schwierig die Situation ist. In der Tat ist der ursprüngliche Elan der Ökumene ein bisschen erlahmt in verschiedenen Kirchen. Das hängt auch damit zusammen, dass man damals übertriebene Hoffnungen gehabt hat. Man wollte innerhalb von kürzester Zeit die Einheit finden wird. Diesbezüglich hat man einfach gemerkt, man muss sich auf längere Zeiten einstellen. Was Jahrhunderte aneinander vorbei gelebt hat, dass kann nicht in kurzer Zeit zusammen finden. Es braucht Zeit und Geduld. Zum Zweite, es gibt in der Tat eine neue Suche nach der eigenen Identität. Das ist an sich gar nicht schlecht, denn in einen sinnvollen Dialog eintreten kann ich ja nur, wenn ich weiss, wer ich bin. Früher konnte man sagen, ich kann die Grenzen nur übertreten, wenn ich eine Identitätskarte habe, das brauche ich in Europa nicht mehr. Es ist zunächst positiv, dass sich in dieser Vielfalt jeder zurück besinnt: Wer sind wir? Was wollen wir eigentlich? Was ist unsere Identität? Negativ ist es, wenn man dann so klare Spezifikas heraussucht, die dann immer ein bisschen abwertend gegenüber anderen sind. Wenn ich zum Beispiel an das ganze Konzept der Ökumene der Profile von Bischof Wolfgang Huber denke. Dort sagt er: Wir sind die Kirche der Freiheit. Dann schlucke ich leer und sage: So unfrei fühle ich mich in der Katholischen Kirche auch nicht! Da ist die Schwierigkeit, dass man Definitionen gebraucht, die eigentlich nicht das einlösen, was gemeint ist. Vor allem wenn man dann auch sieht wie die Reformation an vielen Orten durchgeführt wurde – ganz und gar nicht aus Gründen der Freiheit und der Gewissensentscheidung, sondern mit politischer Macht. Ich glaube, wir brauchen heute eine neue Befestigung dessen, was wir eigentlich wollen. Wir haben keine richtige Verständigung mehr über das Ziel der Ökumene. Wir können natürlich nach dem Motto des Wiener Komikers Qualtinger «Ich weiss zwar nit wohin i will, aber drum bin i um so schneller dort» handeln, aber das ist keine sinnvolle Zielvorstellung. Wir müssen uns neu darüber verständigen, was wir erreichen wollen.
Für Anglikaner gibt es jetzt die Möglichkeit durch sogenannte Ordinariate in die katholische Kirche aufgenommen zu werden und dabei einige Aspekte ihrer anglikanischen Traditionen zu behalten. Wäre es denkbar, eine ähnliche Lösung auch für Lutheraner anzubieten, falls sie daran Interesse haben sollten?Zunächst muss man in aller Deutlichkeit sagen, es ist nicht ein Angebot von unserer Kirche an die Anglikaner zu uns zu kommen, sondern das waren ganz klare Anfragen von den Anglikanern. Da hat der Papst ja eigentlich keine andere Möglichkeit als die Türe zu öffnen. Das scheint mir sehr wichtig festzuhalten, denn vielerorts wurde gesagt, der Papst würde in fremden Gewässern fischen. Es ist keineswegs so, dass der Papst in einem fremden Gewässer Fische holt und in den eigenen Teich bringen will. Es handelt sich vielmehr um Fische, die nicht mehr im Teich sind und nun auf dem Boden liegen und da muss man überlegen, wo bekommen die neues Wasser, damit sie wieder leben können. Konversionen hat es im Zeitalter des Ökumenismus immer gegeben. Eine Konversion ist eine Frage der Gewissensentscheidung und die muss man ernst nehmen. Was neu ist, ist dass ganze Gruppierungen zusammen mit ihrem Bischöfen und Priestern konvertieren. Wenn etwas ähnliches von Lutheranern auf uns zukommt, werden wir sicher solche Wege finden. Ich finde es eigentlich einen sehr weisen Entschluss, dass sie (die Anglikaner) in unsere Kirche kommen können aber ihre liturgischen Traditionen behalten können. Denken Sie an die früheren Ritenstreite!. Alle mussten die selbe Liturgie haben. Heute können die verschiedenen Charismen gepflegt werden, das halte ich für einen weisen Entschluss.
Sie würden sagen: Einheit in der Vielfalt.Ja, genau.
Ende der 80-er Jahren, als Johannes Paulus II. die nordischen Ländern besuchte, hatte man den Eindruck, dass die lutherische Kirche in Schweden und die katholische Kirche deutlich einander näher kamen. Es gab bei manchen sogar die Hoffnung auf eine Vereinigung der beiden in absehbarer Zukunft. In den letzten 20 Jahren scheint die Entwicklung eher in die andere Richtung gegangen – u a durch die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe in der lutherischen Kirche. Wie schätzen Sie die derzeitigen Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und der Schwedischen lutherischen Kirche ein?Für mich ist das eine schwierige Frage, denn ich bin zum ersten Mal im Norden Europas. Mir jetzt schon ein Urteil zu bilden, das ist ein bisschen schwierig. Die Frage der registrierten homosexuellen Ehe aber ist eine Frage, welche die ganze Ökumene spaltet. Das bezieht sich nicht nur auf den Norden Europas, sondern das ist eine Frage, die weltweit ökumenisch ungemeine Probleme hervorruft. Was mir immer wieder auffällt im Norden, ist die ungeheure Nähe der Kirche zu der katholischen Tradition. Sie haben viel an katholischen Wurzeln behalten. Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass die Reformation keine Volksbewegung war wie das in Deutschland der Fall war, sondern per Dekret eingeführt worden ist. Man hat gehorcht, aber eigentlich ist man den Wurzeln treu geblieben. Von daher ist natürlich eine grosse Chance zur Verständigung da. Auf der anderen Seite ist natürlich immer eine ganz grosse Schwierigkeit, wenn eine evangelisch-lutherische Kirche eine Staatskirche ist. Da denke ich ist ja gerade in Norwegen einiges im Umbruch. Ich meine, das kann sogar ökumenisch sehr produktiv sein. Eine evangelische Kirche, die solange Staatskirche gewesen ist, steht nun unter dem massiven Druck sich zu definieren, weil sie sich nicht mehr vom Staat her definieren kann. Da es ohnehin wichtig ist in der Ökumene, dass wir uns verständigen, darüber was wir unter Kirche verstehen, könnte da sogar ein neuer Impuls kommen.

12. September 2011 | 08:34
von Sibylle Hardegger
Lesezeit : ca. 5  Min.
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