Walter Ludin

«... in der Stunde unseres Absterbens. Amen»

«… bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Absterbens Amen». So wurde im Gegrüsst-seist-du-Maria zu meiner Kinderzeit gebetet. (Wenn der Vater etwas undeutlich vorbetete, verstand ich «Absterben Samens». )Daraus wurde «in der Stunde unseres Todes». Trotz der weniger seltsamen Formulierung: Gerade vor einigen Tagen dachte ich darüber nach, dass es seltsam ist, während unseres ganzen Lebens für eine «gute Sterbestunde» zu beten.
Zum Thema äusserte sich kürzlich Markus Ries, Prof. für Kirchengeschichte an der Uni Luzern, in einem Vortrag zur Fastenzeit, der von der Schweizerischen Kirchenzeitung SKZ dokumentiert wurde. Hier ein Abschnitt:
«Die grosse Sorge um das eigene Ende verbindet unsere Generationen mit den Erfahrungen in anderen Epochen, in denen freilich völlig verschiedene Lebensbedingungen herrschten. Sensibel wurde die Aussicht auf den eigenen Tod in der als «Geburt des Individuums " charakterisierten Zeit des späten Mittelalters; denn der Tod trifft individuell. Er steht jeder und jedem mit Sicherheit bevor. Bis vor fünf oder sechs Generationen war er allen aus eigener Anschauung bekannt: Wer immer das Erwachsenenalter erreichte, hatte mindestens einmal miterlebt, wie jemand aus seinem Verwandtenkreis gestorben war.1 Die Gestaltung des Sterbens wurde im 15. Jahrhundert verstärkt als Problem des nun als Individuum erfahrenen Menschen wahrgenommen. Zunächst setzte dies voraus, dass man sich auf das eigene Ende einstellte – kaum etwas war gefürchteter als die «mors subitanea». Die Sache selbst war nicht vorhersehbar, doch auf das gute und richtige Sterben kam es an – deshalb war der plötzliche, «gäche» Tod eine Bedrohung. Gilt es heute als Segen, rasch und schmerzlos aus dem Leben gehen zu können, so war dies einst gerade umgekehrt. Das vorbereitete, gute und richtige Sterben gehörte zum Leben und war Teil der christlichen Existenz. Entsprechende Bedeutung hatte das Feld für damalige Formen der Seelsorge: Zum guten Sterben wurden Anleitungen verfasst; sie legten dar, auf welchem Weg jemand die Möglichkeit erhalte, umfassend vorbereitet aus dem Leben zu scheiden. Als wahrhaftes Können wurde die entsprechende Kompetenz verstanden, die Rede war von der «ars moriendi». In der Sicht des späten Mittelalters war der gut sterbende Mensch fest im Glauben gegründet, zeigte Geduld und Demut, haderte nicht und vor allem sorgte sich nicht um das, was er an irdischen Gütern zurückliess. Die Aufgabe bestand darin, sich durch ein gottgefälliges Leben auf diese Herausforderung vorzubereiten. Die Angst vor dem plötzlichen Tod war begründet in der Furcht, dass bei überraschendem Eintritt des Todes keine Zeit für die angemessene Vorbereitung bliebe. Daraus erklärt sich die stete Vergegenwärtigung, auch im Gebet und in der religiösen Praxis allgemein. Das Ave Maria wurde erweitert um einen nichtbiblischen Teil, in welchem die Fürbitte für den Moment des eigenen Sterbens zentrale Bedeutung erhielt: «Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus nunc et in hora mortis nostrae». Die Stunde des Todes als zentrales Anliegen. Hilfen bot auch der kirchliche Alltag: Wer sich in eine Gut-Tod-Bruderschaft aufnehmen liess, beteiligte sich in solidarischer Sorge um eine gute Sterbestunde und um das fortdauernde Gebet – und vor allem: Sie oder er verschaff te sich Gewissheit, dereinst selbst von solcher Unterstützung zu profi tieren. Wer das Sanctissimum oder eine Christophorus- Darstellung anschaute, war am betreff enden Tag bis Sonnenuntergang geschützt vor der «mors subitanea» – eine volksfromme Praxis, von der die eigens hierzu übergross in den Kirchen oder praktischerweise an deren Aussenwänden angebrachten Christophorus- Darstellungen bis heute beredt Zeugnis geben. Allzu leicht konnten sie zum Nährboden für abergläubische Vorstellungen werden und provozierten damit die Kritik der Humanisten.»
 

3. April 2015 | 01:36
von Walter Ludin
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