Jacqueline Straub

In den Fängen von Menschenhändlern

Joy stammt eigentlich aus Nigeria. In ihrem Heimatland wurde ihr vorgeschlagen, nach Europa zu reisen; denn dort würden gute Jobs auf sie warten. In der Schweiz angekommen, wurden sie Opfer von Frauenhandel. Ihr Wille wurde so lange gebrochen, bis sie der völligen Kontrolle der Täter unterlag. Joy ist nur eine von zahlreichen Frauen in der Schweiz, die Opfer von Menschenhandel geworden sind.

Für Recht und Würde kämpfen

Die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration in Zürich (kurz: FIZ) setzt sich seit über 30 Jahren für solche Frauen ein. «Wir kämpfen für ihre Rechte und Würde», sagt Mediensprecherin Rebecca Angelini. Das Ziel der NGO ist es, die Situation von Gewalt betroffenen Migrantinnen in der Schweiz zu verbessern.

Die FIZ hat neu ein Peerprojekt gestartet, in dessen Rahmen Sexarbeiterinnen ausgebildet wurden. Frauen, die neu ins Milieu eingestiegen sind, werden von den Peerfrauen über wirksame Schutzmassnahmen gegen Straftaten sowie über Beratungs- und Unterstützungsangebote informiert. «Der Zugang über Peerfrauen ist einfacher. Und die Frauen kommen auch wirklich zu uns in die Beratung», weiss Angelini zu berichten.

Viele Frauen waren brutalster Ausbeutung ausgesetzt

Neben der Beratungsstelle, die auch Migrantinnen mit schlechten Arbeitsbedingungen oder Gewalt in der Partnerschaft in Anspruch nehmen, gibt es die Interventionsstelle Makasi, die auf Menschenhandel spezialisiert ist. Das Pionierprojekt unterstützt Frauen, die in der Schweiz Opfer von Menschenhandel wurden, und bietet ihnen eine Schutzunterkunft. «Es ist ein umfassendes Opferschutzprogramm. Viele Frauen waren brutalster Ausbeutung ausgesetzt und sind schwer traumatisiert», sagt die Mediensprecherin.

Häufig erhalten sie von der Täterschaft ein Angebot, in Europa eine Ausbildung zu machen oder eine Arbeitsstelle zu bekommen. Ihnen wird versprochen, in der Schweiz viel Geld zu verdienen. Die organisierte Reise nach Europa ist eine freiwillige Entscheidung, die aber auf falschen Versprechen gründet. In der Schweiz angekommen, erfahren die Frauen, dass sie in der Prostitution arbeiten müssen. Ihnen wird der Wille gebrochen und sind Gewalt ausgesetzt. Die Betroffenen haben kaum Deutschkenntnisse, und den einzigen sozialen Kontakt, den sie im fremden Land haben, sind die Täter. «Die Frauen, die in die Prostitution geschickt werden, arbeiten unter den schlimmsten ausbeuterischen Bedingungen. Sie können nicht entscheiden, welche Freier sie bedienen, welche Sexpraktiken sie anbieten oder ob sie sich mit einem Kondom schützen», berichtet Angelini. «Das ganze Geld wird ihnen abgenommen, sie arbeiten meist Tag und Nacht, werden überwacht, müssen ständig rapportieren und sind Drohungen und Gewalt ausgesetzt.»

Schweizer System hat Lücke

Heutzutage werden bei der FIZ rund 230 Fälle pro Jahr betreut. Immer mehr Frauen bringen den Mut auf, gegen die Täterschaft auszusagen und können während des Strafverfahrens in der Schweiz bleiben. Wenn sie aber nicht aussagen wollen, etwa aus zu grosser Angst, können sie in der Regel weder legal hierbleiben, noch ist ihnen ein Opferschutz garantiert und finanziert. «Das System hat dort eine Lücke. Betroffene werden nur so lange geschützt, wie ihre Aussagen fürs Strafversfahren relevant sind», so die Mediensprecherin. Der spendenbasierte Verein kämpft schon lange gegen diesen Missstand und ist der Meinung, dass vielmehr der Opferschutz im Zentrum stehen müsste.

Angelini sieht grossen Handlungsbedarf auf politischer Ebene: «Je restriktiver Migration reguliert wird, desto grösser ist die Gefahr, dass Menschen ausgebeutet werden.» Neben Lücken im Aufenthaltsrecht, sieht die FIZ grossen Verbesserungsbedarf im Opferschutz.  «Wir sind in unserer Arbeit oftmals mit Behördenentscheiden konfrontiert, die nicht im Sinne der Opfer sind.» Der politische Wille, gegen den Menschenhandel vorzugehen, sei in manchen Kantonen zu wenig vorhanden. «Das Gute ist, dass wir in unseren Bemühungen nicht alleine sind», sagt Angelini. Mittlerweile gibt es auch in der Romandie und im Tessin engagierte Opferschutzorganisationen.

Bildquellen

  • prison-162885_1920: pixabay, CC0-Lizenz
Menschenhandel gibt es auch in der Schweiz. Die FIZ kämpft dagegen an. Bild: pixabay, CC0-Lizenz
11. Dezember 2018 | 14:16
von Jacqueline Straub
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