Brauchen wir einen neuen Luther? (Luther in Weimar) © Walter Ludin
Walter Ludin

Impulse für die Erneuerung der Kirche

Wie können wir die Kirche erneuern? (Predigt zum Reformationssonntag)

«Wir brauchen einen neuen Reformator.» Diese Forderung konnte man im Verlaufe des eben zu Ende gegangen Lutherjahres öfters hören, und zwar sowohl in der protestantischen wie in der katholischen Kirche. Allerdings sind diesbezüglich viele Katholiken etwas skeptisch. Denn für sie bedeutet Reformation Glaubensspaltung.

Sie übersehen dabei, dass Luther keine neue Kirche wollte. Wenn der Papst ihn ernst genommen hätte, wäre es wohl zu keiner Spaltung gekommen. Doch der damalige Papst sei, so sagt man, gerade auf der Jagd gewesen, als er von Luthers Thesenanschlag hörte. Er tat die Nachricht ab mit der Bemerkung, dies sei deutsches Mönchs-Gezänk – und pirschte sogleich weiter Wildsäue oder was auch immer an.

Nun, statt einen neuen Reformator zu fordern, können wir uns auch auf das alte Postulat besinnen: «Ecclesia semper Reformanda/die Kirche muss immer wieder erneuert werden». Das letzte Konzil hat das Wort neu entdeckt. Vor einigen Tagen hat es die Zeitschrift Christ in der Gegenwart aufgegriffen und zum Reformationsjubiläum neun Thesen formuliert mit der Titel «Wie sich der christliche Glauben erneuern kann». Ich möchte hier den zehn Seiten umfassenden Artikel ganz kurz zusammenfassen und einige Thesen ebenso kurz kommentieren:

Erstens (1. These): «Die Kirche braucht eine Sprachoffensive – nach innen und aussen.» Anders ausgedrückt: Die Kirche braucht einen neue Sprache, eine, die nicht aus einer andern Welt stammt.

Ein einziges Beispiel: Im so genannten Einsetzungsbericht der Messe heisst es «Jesus nahm das Brot, gab es seinen Jüngern …» Das Wort Jünger hat heute für viele einen negativen Klang. Man spricht etwa von einem Guru und seinen Jüngern. Darum ersetze ich es durch «Freunde». Nach einer Messe kam eine Frau zu mir und beschimpfte mich deswegen während fast einer Viertelstunde.

Warum ich Ihnen hier davon erzähle? Wenn jemand es wagt, den Glauben auf zeitgemässe Weise zu formulieren, braucht es beim Kirchenvolk dafür eine gewisse Toleranz.

Zweitens (3. These): «Wir brauchen mehr Gott und weniger Kirche.» Gemeint ist: Wir sprechen zu viel über kirchliche Strukturen. Ich bin allerdings nicht immer einverstanden, wenn man diesen Vorwurf macht. Denn oft lenkt er ab von den notwendigen Struktur-Reformen. Bedenken wir doch: Wenn es weiterhin keine verheirateten Priester und keine geweihten Frauen gibt, gibt es bald keine Eucharistiefeiern.

Und dennoch. Es ist dringend notwendig, das Sprechen über Gott nicht zu vernachlässigen. Denn viele haben heute enorm Mühe mit einem überlieferten Gottesbild. Es geht von einem veralteten Weltbild. Es glaubt an den Schöpfer der Erde und von ein paar Hundert Sternen und nicht von Milliarden von Galaxien.

Drittens (These 4): «Ein neuer Sinn für Liturgie ist nötig.» Oder anders ausgedrückt: Wagen wir neue Formen des liturgischen Feierns! Im genannten Artikel wird dazu die Apostelgeschichte zitiert, wo es über die ersten Christen heisst: «Sie brachen in ihren Häusern des Brot und hielten miteinander Mahl in Freude.»

Ähnliches habe ich als junger Priester erfahren: Ich war ich in einer Stadtpfarrei einige Wochen Stellvertreter des Pfarrers. Ich hatte jeden Tag in der Kirche eine Abendmesse zu feiern. Es kamen immer die gleichen sieben, acht recht alten Leute. Eines Tages schlugen junge Bekannte von mir vor: «Halten wir doch eine Messe im schönen Garten des Pfarrhauses.» Wir taten es. Einige junge Paare nahmen dran teil und erzählten noch jahrelang von diesem Erlebnis.

Es gäbe sicher in jeder Pfarrei Möglichkeiten, bisweilen ausserhalb der Kirchenmauern Liturgie zu feiern und dabei neue Interessenten anzusprechen.

Viertens (These 5): «Christsein ist politisch.» Dazu lesen wir in den Thesen der Zeitschrift «Christ in der Gegenwart»: Zum Christsein «gehört die Option für die Armen, auch das Erheben der Stimme für die Schwachen, die sonst nicht gehört werden, und das Eintreten für eine solidarische Gemeinschaft.»

Wir alle wissen, dass es dagegen oft heftige Widerstände gibt. Ein Beispiel: Als ich Mitglied des kantonalen Seelsorgerates war, hatten wir ein Gespräch mit dem Synodalrat über mögliche gemeinsam politische Stellungnahmen. Da wurde uns entgegengehalten: «Dabei müssen wir vorsichtig sein. «Nicht alle, die Kirchensteuern bezahlen, sind mit jeder Position einverstanden.»

Ich wurde unwillig und sagte: «Was ist unser Bezugspunkt: die Mehrheit der Gesellschaft? Oder die Botschaft Jesu?» Ja, es braucht oft Mut, der Mehrheit zu widersprechen. Oder wie Erzbischof Helder Camara sagte: «Wenn ich den Armen Brot gebe, gelte ich als Heiliger. Wenn ich aber frage, warum sie hungern, gelte ich als Kommunist.»

Fünftes (These 7): Die Zukunft des Christentums ist ökumenisch – oder gar nicht.» Sie alle wissen es: Der am meisten diskutierte Streitpunkt ist die Teilnahme am Abendmahl der andern Konfession. Ich denke, auch hier hilft ein Blick auf Jesus: er lud nicht nur die eigenen Leute, nicht nur die Superfrommen an seinen Tisch ein. Und bis heute ist es Jesus und nicht die Kirchenleitung, die zum Abendmahl/zur Eucharistie einlädt.

Um Sie nicht unnötig zu strapazieren, hier nur noch ein ganz kurzer Blick auf eine sechste These (Nr. 8): Das Christentum muss mit allen Religionen zusammenarbeiten. Das Konzil hat gezeigt, dass auch andere Religionen Wege zum Heil sind. Ein Kapuzinermitbruder aus Indien hat dies sehr anschaulich illustriert: Wir alle sind auf dem Weg zu einem Berggipfel, aber auf verschiedenen Wegen. Wenn wir oben angekommen sind, können wir einander erzählten: «Ich bin von da und du bist von dort gekommen. Aber wir alle kamen an.»

Wir kommen zum Schluss: Ich habe jetzt bloss sechs der neun Thesen erwähnt. Es gibt aber auch mehr als diese neun. Es gibt unzählige Möglichkeiten der notwendigen Kirchenreform.

Bert Brecht schrieb in seinem Lehrstück «Die Massnahme»: «Ändere die Welt. Sie braucht es.» Ich möchte das Wort abändern in: «Ändere die Kirche. Sie braucht es.»

Buchrain LU Sonntag 10 Uhr

Brauchen wir einen neuen Luther? (Luther in Weimar) © Walter Ludin
3. November 2017 | 22:47
von Walter Ludin
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