Heinz Angehrn

Im Glashaus sitzen und mit Steinen werfen

Yvo Hangartner, emeritierter Ordinarius für öffentliches Recht an der Universität St.Gallen, kommentiert in der «NZZ am Sonntag» vom 8.1.06 (S.15) recht süffisant die bisherigen Äusserungen der Schweizerischen Bischofskonferenz zur politischen Auseinandersetzung um das revidierte Asylgesetz. Wer im Glashaus sitzt, wer Homosexuelle und Frauen institutionell und rechtlich systematisch und auf Dauer benachteiligt, sollte nicht mit Steinen werfen, sprich plötzlich Menschenrechte und Gerechtigkeit einfordern, so Hangartner. Der Mann hat recht und sieht es doch falsch, so denke ich.Recht hat Yvo Hangartner, wenn er kritisch das Auseinanderklaffen von Stellungnahmen der Katholischen Kirche zu Menschenrechtsfragen ausserhalb und innerhalb der Kirche hinterfragt. Eine Institution, die sich aufgrund ihrer (biblischen) Grundbotschaft als befugt und beauftragt ansieht, die Einhaltung der Menschenrechte einzufordern, darf natürlich nicht dabei stehenbleiben, einerseits weltweit Werte wie Religionsfreiheit und die Wahrung der Rechte von Kriegsgefangenen, Asylanten und Minderheiten einzufordern, sie hat andrerseits die Menschenrechte in ihrer Gesamtheit in der eigenen Organisation zu respektieren und einzuhalten. Und da gelten selbstverständlich die Gleichheit der Geschlechter und damit der Zugang beider Geschlechter zu allen Ämtern und Hierarchieebenen dazu. Und da gilt auch der Anspruch gleichgeschlechtlich liebender Menschen auf die Anerkennung (und Segnung) ihrer Partnerschaften dazu.Aber: Die Schweizer Bischöfe haben sich gerade in diesen Fragen in den letzten Jahren im Vergleich zur römischen Zentrale und zu deren Dokumenten deutlich liberaler und offener geäussert. Haben sie nicht deshalb schon das Recht und sogar die Pflicht, gegen eine SVP-aufgeheizte und tendentiell rassistische gesellschaftliche Grundstimmung, die die Revision des Asylgesetzes vorantrieb, Widerstand zu leisten? Das Gute tun und das gleich Gute intern fördern, das würde ich unseren Bischöfen raten.

9. Januar 2006 | 10:34
von Heinz Angehrn
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