Bettina Flick

Ich kann Judas verstehen

Es war an Weihnachten in Bethlehem. Ich feierte den Mitternachtsgottesdienst in einem Kloster direkt an der Mauer mit. Mein Herz war übervoll von all dem Leid, das ich gesehen hatte, all der Gewalt durch die israelische Besatzung, all der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit im palästinensischen Volk. Die Schwestern sangen die Liturgie im melkitischen Ritus auf Arabisch Jemand liess eine Bibel zirkulieren mit dem Text des Weihnachtsevangeliums. Als ich es las, durchfuhr es mich plötzlich: «Was soll das denn? Ein kleines, hilfloses Kind in einer Krippe? Einen starken Mann bräuchte es, einen Anführer, der mit starker Hand hier aufräumt und ein für alle Mal Gerechtigkeit herstellt! Aber doch nicht ein Neugeborenes!»

Ich stelle mir vor, dass es Judas wohl ähnlich erging. Er sah das Leid seines Volkes, unterdrückt und ausgebeutet von den Römern. Er hatte wohl seine Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Besatzung auf Jesus gesetzt. Und statt endlich mit starker Hand durchzugreifen, sprach Jesus von Feindesliebe. Vielleicht war Judas Enttäuschung so gross, dass er Jesus wirklich ganz aufgegeben hatte.  Oder vielleicht wollte Judas Jesus gar nicht ans Kreuz bringen, sondern erhoffte von seinem Verrat, dass Jesus endlich aufwachen und zu den Waffen greifen würde, um sich selbst zu verteidigen. Aber das geschah nicht. Jesus blieb sich und seiner Botschaft der bedingungslosen Liebe, der Grundlage seiner Gewaltfreiheit, treu, in allem Leiden, bis in den Tod.

Ich frage mich: Steckt nicht in uns allen hin und wieder etwas von diesem Judas, wenn wir finden: «Jetzt ist aber wirklich Schluss! Jetzt braucht es klare Grenzen!» und uns dann nicht mehr von der Liebe, sondern von unserer Wut, unserer Verletztheit oder unserem Gerechtigkeitsempfinden leiten lassen? Mir zumindest passiert das immer wieder.

Wenn ich mir dann auf die Schliche gekommen bin, tröstet mit das Exsultet der Osternacht. Dort wird die Schuld des Judas als «felix culpa», als glückselige Schuld» besungen – denn ohne den Verrat und die Kreuzigung Jesu hätte es auch keine Auferstehung gegeben. Alles hat Platz in Gottes grenzenloser Liebe – auch ein Verrat kann Heil bringen. Und so bin ich auch ein Stück weit dankbar für die Gestalt des Judas im Evangelium. Denn, wirklich: Ich kann ihn verstehen.

Bildquellen

  • Trennmauer in Bethlehem | © Bettina Flick: Bettina Flick
Trennmauer in Bethlehem | © Bettina Flick
27. März 2018 | 13:59
von Bettina Flick
Teilen Sie diesen Artikel!