Erich Schweizer

Hören statt gehören

Spotify und das Gewissen

«Wach auf, du musst deine Schlaftablette nehmen». Jennifer Rostock habe ich soeben entdeckt. Eine starke Stimme, martialische Gitarren und die intelligentesten Lied-Texte, die ich seit langem gehört habe – eine Punk-Rockerin. Auch in meinem vorgerückten Alter kann ich nicht dauernd Wagner oder Philippe Jaroussky hören. Also bin ich glücklich, wenn ich zwischendurch auf ganz andere Musik stosse.
Früher hatte ich Zeit, mich im Plattenladen umzuhören. Bevor meine Neugier gestillt war, bekam ich jeweils ein schlechtes Gewissen gegenüber der Verkäuferin. Oder ich liess mich durch Empfehlungen aus dem Kollegenkreis verführen. Und wenn die jetzt alle Helene Fischer hören? An Musik, die ich am Radio gehört habe, kann ich mich leider nie erinnern.

Unbegrenzt stöbern

Mein Glück: Seit Dezember 2013 ist Spotify auch in der Schweiz praktisch unbegrenzt verfügbar. Auf dem PC oder Notebook (http://play.spotify.com) und als App auf dem Tablet oder Mobiltelefon. Stöbern (wunderschön altmodisch für «browse»), Playlists anlegen, ähnliche Musik hören kann man und dabei unter Millionen von Songs wählen, von denen viele noch nie angehört worden sind, aber das ist ein anderes Problem.
Das Angebot von Spotify ist kostenlos. Ab und zu schiebt sich zwischen die Musikstücke eine kurze Werbung. So bin ich auf Jennifer Rostock aufmerksam geworden. Die Tonqualität ist nicht überragend. Wenn ich den Fliegenden Holländer hören will oder Cecilia Bartoli, kann ich ja immer noch die CD einlegen.
Wer einen – wie ich finde – fairen monatlichen Betrag bezahlt, darf Spotify werbefrei nutzen, hat eine bessere Tonqualität und kann auch ohne Internetverbindung Musik hören. Aber gehören wird mir die Musik auch dann nie. Macht nichts. Ich will sie ja geniessen und nicht verwalten.

Gerechtes Musikgeschäft?

Sind Spotify und andere Musikdienste die Zukunft einer gerechten Branche, in der Musikerinnen und Musiker für ihre kulturelle Leistung gebührend belohnt werden? Das Urteil der Künstlerinnen und Künstler ist verheerend. Der Verdienst bei Spotify sei marginal – immerhin besser als bei illegalen Downloads …
«Du willst es nicht wissen», singt Jennifer Rostock gerade. Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

3. Februar 2014 | 08:44
von Erich Schweizer
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