Vera Rüttimann

Helmut Kohl und ich

Heute wurde der ehemalige deutsche Kanzler und Ehrenbürger Europas mit einem europäischen Trauerakt verabschiedet – ein Novum in der Geschichte der EU. Zunächst fand eine zweistündige Trauerzeremonie im Europäischen Parlament von Strassburg statt. Mit dem Schiff wurde sein Sarg auf dem Rhein bis nach Speyer transportiert. Wie unzählige andere verfolgte ich heute die Trauerfeierlichkeiten gebannt am Fernsehen. Die Bilder mit dem Sarg Kohls auf der MS Mainz brennen sich jetzt schon in mein Gedächtnis ein.

Nicht nur in mir kommen viele Bilder und Erinnerungen hoch, hat doch dieser Kanzler und bekennender Katholik in seinen 16 Jahren Regentschaft Deutschland massgeblich geprägt. Einige historische Momente habe ich in Kohls Nähe selbst erlebt. Voran natürlich der 3. Oktober 1990, als Kohl mit Richard von Weizsäcker und Co. am Reichstag die Nacht der Wiedervereinigung feierte und der dunkle Klang der Freiheitsglocke ertönte und die Leuchtraketen gen Himmel stiegen. Ich stand auf einem Podest im Pulk der Fotografen und brachte vor lauter Aufregung kein einziges scharfes Bild zustande.

Zunächst einmal: Ohne Helmut Kohl würde ich heute in einem anderen Land leben. Sehr wahrscheinlich in einem nicht wiedervereinten Land. Oder Berlin wäre gar nie auf meiner persönlichen Landkarte gestanden. Dafür bin ich sehr dankbar.

An Helmut Kohl aber, das gebe ich offen zu, habe ich mich oft innerlich abgearbeitet und gerieben. Als er 1982 an die Macht kam, empfand ich ihn als  erst als ein runder, tapsiger Kerl, der Provinzialität ausstrahlte. Vom grossen «Atem der Geschichte», der ihn später umgeben sollte, war zu der Zeit noch nicht viel zu spüren.

1989/1990 überschlugen sich durch die Wende in der DDR bekanntlich die Ereignisse. 21 und politisch damals ziemlich rot eingefärbt, schlug mein Herz  damals ganz klar für die Idee einer reformierten DDR, für einem 3. Weg (was aus heutiger Sicht natürlich vollkommen naiv ist). Ich wollte kein «neues, grösseres» Westdeutschland nach Kohlscher Provenienz. Meine damaligen Helden waren DDR-Bürgerrechtler und für eine kurze Zeit auch der damalige DDR-Premier Hans Modrow, der 1989/1990 von einigen als «Gorbatschow der DDR» bezeichnet wurde.

Einen Riss bekam mein Verhältnis zu Helmut Kohl, als ich  aus nächster Nähe miterlebte, dass er mit diesen Leuten nicht gerade unzimperlich umgehen konnte: Modrow fertigte er am 13. Februar 1990 in Bonn buchstäblich wie einen Bittsteller ab; im Deutschen Bundestag in Bonn konnte ich auf der Besuchertribüne nicht selten miterleben, wie seine Geringschätzung so manchen PDS-Genossen traf. Ich absolvierte 1992 ein Praktikum im «Bonn-Center» (einem Hochhaus im Regierungsviertel) und spürte, wie politisch vergiftet die Stimmung zwischen Ost und West damals sein konnte. Nichts passte da zusammen.

Für eine (kurze) Zeit waren für mich damals die Linken die «Guten», Kohl und seine Getreuen im Bonner Kanzleramt eine Truppe, von der ich mich duckte. Obgleich ich schon damals viel Respekt empfand, wie Kohl in den entscheidenden Monaten 1989/90 sehr viel richtig gemacht hatte und den Prozess zur Deutschen Einheit zügig durchzog.

In den 90er Jahren erlebte ich den schmerzhaften Prozess, wie aus der Post-DDR und Westdeutschland ein neues Deutschland wurde aus allernächster Nähe mit. Und oft war Helmut Kohl in irgendeiner Form mit von der Partie: Sei es als Wahlplakat in einem Wahlkampf, an den man sich visuell abreiben konnte; sei es in politischen Kabaretts auf Bühnen; sei es als Thema eines Theaterstückes in der berühmten Volksbühne in Berlin; sei es an Demos  von Menschen in Dresden oder Halle, die sauer waren,  dass die «blühenden Landschaften», die Kohl versprach, noch lange auf sich warten liessen.

Helmut Kohl liess mich nie kalt. Irritiert war ich darüber, dass einer, der sich das «christliche» (das «C») auf die Fahnen schrieb, Personen, die ihm nicht genehm waren, so anfeinden konnte. Wer gegen ihn war, war sein Feind. Kohl war bis zuletzt im Kampfmodus.

Keinen jedoch, ob Gegner oder Freund, liess kalt, was in Helmut Kohls Leben seit seinem Amtsabtritt 1998 geschah: Die Spendenaffaire, die ihn verbittern und vereinsamen liessen; der Selbstmord seiner Frau Hannelore; sein gesundheitlicher Niedergang; das Zerbrechen seiner Familie … Nein, das liess einen nicht kalt. Bleiben wird auch mir das Bild Walter Kohls, der mit breitem Rücken und gesenktem Kopf vergeblich vor seinem Elternhaus auf Einlass wartete.

Nun wird Kohl ganz allein dort liegen, auf dem Alten Friedhof im Adenauerpark gegenüber dem Hauptbahnhof Speyer, der einzigen römischen Stadtgründung der Pfalz. Weit weg von seiner Familie.

Schade auch, dass es an diesem Tag zu keinem Staatsakt in Deutschland gekommen ist. Noch heute sehr präsent ist mir der Tag der Beerdigung von Willy Brandt. Im Oktober 1992 war halb Berlin auf den Beinen, um von diesem bedeutenden Politiker Abschied zu nehmen. Junge SPD-Genossen trugen stolz sein Bild durch die Strassen, viele versammelten sich zudem vor dem Reichstag, auf dessen Stufen sich Europas damals wichtigsten Politiker versammelten, um Willy Brandt, dem Architekten der Ost-Politik, zu verabschieden. Ein Tag auch, an dem die deutsche Bevölkerung in Berlin von ihm bei einem Staatsakt Abschied nehmen konnte. Und sei es auch nur sitzen auf der Wiese vor einer Grossleinwand. Dasselbe hätte ich auch Helmut Kohl gegönnt.

Und doch war auch dieser Tag in Strasbourg und Speyer voller berührender Gesten. Ein bewegender Tag deutscher und europäischer Geschichte.

Ob man wollte oder nicht: Helmut Kohl war im Leben vieler eine prägende Gestalt. Als er 1998 abtrat, hinterliess er ein neues, geeintes Deutschland – und ein neues, geeintes Europa. Sein Vermächtnis bedeutet nun, den Europa-Gedanken mit neuem Leben zu füllen. Oder wie es Emanuel Macron ausdrückt: «Ich möchte mit Angela Merkel diesem Projekt – der Europäischen Union – wieder Sinn und Dichte verleihen.»

 

 

 

Bildquellen

  • Helmut Kohl: Bildrechte beim Autor
Wahlplakat mit dem Bild von Helmut Kohl. © Vera Rüttimann, Berlin 1998
1. Juli 2017 | 20:41
von Vera Rüttimann
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