Hans-Joachim Sander
(*1959)
Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg
Ausser einer Kindheitserinnerung an einen positiven Kommentar meines Vaters zur Schlussfeier war das Konzil jenseits meiner Welt. Prägend waren die erneuerte Gemeindetheologie und ihre Jugendfreizeiten. Entdeckt habe ich das Konzil erst relativ spät. Ein Symposium über das Konzil brachte mich nach Jerusalem dazu, in Würzburg weiter zu studieren. Die Fakultät hatte einen Konzilsschwerpunkt, der uns mit seinen Texten eingehend beschäftigt hat. Kardinal Suenens habe ich einmal in Brüssel getroffen, sein wacher Blick bleibt mir in Erinnerung.
Durch so manche Arbeit an Konzilsakten ist mir klar geworden, wie ungerührt das Konzil seiner eigenen Kirche vorauseilte. Es übersteigt sie auf die ganze Menschheit hin, wie sie nun einmal jeweils jetzt gegeben ist. Die ist unweigerlich anders, als es sich kirchlich hoch identifizierte Menschen wünschen können, und sie lässt sich auch nicht mit interessierten Zukunftsansagen fassen, die immer hinterher hinken, weil sie der Zeit ständig vorauseilen. Aber das eigene Konzil packt die Kirche bei ihrem ‹katholisch› und schüttelt sie auf den ganzen Planeten hin durch. Mit einem ermunternden wie unerbittlichen «na dann mal los» stösst sie deren warmherzigen Gemeinschaftsgefühle in die Kühle einer Zeit, die sich schon während des Konzilsverlaufs ihrer eigenen Modernität unsicher zu werden begann. Das hat auf die Kirche übergegriffen, die sich in den letzten Jahren ihres Ortes immer unsicherer geworden ist. Aber mit dem bekannten Rückzug auf sich selbst hat sie die ersehnte Wärme der eigenen Kreise nicht zurückgewonnen. Im Gegenteil, sie wurde selbstgerechter. Aber das hilft nicht, weil die Zeiten prekär sind und nicht locker lassen, nach dem religiösen Kapital der Menschheit zu fragen. Sie halten sich nicht mit Fragen nach Vereinbarkeiten des Glaubens auf, die zu begründen wir professionellen Theologen so stolz sind. Es geht um Überlebensfragen auf breiter Front und die Angebote religiöser Menschen dazu, nicht umgekehrt um Einladungen zu ihren speziellen Antworten. Es ist vielleicht der nachhaltigste Dienst des Konzils an seiner Kirche, von der Einladung in sie zum Angebot des Evangeliums gewechselt zu haben. Aus meiner Sicht kann man darüber nur froh sein.
(Hans-Joachim Sander)
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