Walter Ludin

Handelt in Selbstverantworung

Neben fortschrittlichen Geistlichen finden Laien, die auf verschiedenste Weise der Kirche ganzfreimütig dienen, bei den Menschen Anklang. Eine lebendige Seelsorge neuer Art entwickelt sichda und dort. Sie wird von den Bischöfen nolens volens geduldet, weil man dagegen einfach nichtankommt. Jene Autorität, die Eingreifen sinnvoll erscheinen liesse, ist ja nicht mehr vorhanden.Abgesehen davon, dass man auf «ungehorsame» Priester, die beliebt sind, nicht verzichten kann.Längst findet also ein Auseinanderdriften innerhalb der Kirche statt. Die Richtung der vom Vati-kan eingesetzten und kommandierten «Oberhirten» stimmt mit dem «Sensus communis fidei»,also dem allgemeinen Glaubensempfinden, immer weniger überein. Bewirken sohin die Reform-kräfte eine Spaltung? Keineswegs, denn es ist vielmehr so, dass durch sie eine bereits vorliegendeEntfremdung erkannt und sichtbar gemacht wird. Doch was wäre die Alternative? Allgemeineergebene Passivität würde den Aderlass, den die Kirche erleidet, nur verstärken. Diese ist da-durch, dass in ihr auch Anderes als bisher bemerkbar wird, davor bewahrt, nur mehr ein unsym-pathischer Hort des Ewiggestrigen zu sein. Ist es nicht eine Art von Rettung durch Selbsthilfe,die da geschieht?Die stille Entfernung von der «Amtskirche» durch Handeln in Eigenverantwortung wird weiter-gehen. Sie wird aber nur mehr dort stattfinden, wo eine tatsächliche Bereitschaft zum Glaubenverbunden mit der Überzeugung vorhanden ist, dass man die Kirche trotz allem nicht verlassensollte. Das wird hinkünftig wohl bei immer weniger Menschen der Fall sein! Es muss ja dafürnoch eine starke Bindung da sein, hergestellt durch Tradition, Familie, Milieu und überhauptkirchliche Sozialisation.Bisherige Wege der Annäherung an den Kirchenglauben werden aber immer seltener beschritten.Wer betet beim Zubettgehen der Kinder noch mit ihnen? Der Blick in die Bänke der Sonntags-messe sagt alles: Die Reihen werden schütterer und die ergrauten Häupter überwiegen immermehr. Letztlich dürfte nur mehr eine geringe Zahl von katholischen Frauen und Männern un-verdrossen damit fortfahren, ungeachtet der hierarchischen Widrigkeiten ihre Frömmigkeit nichtabseits der Kirche, sondern in ihr zu leben.

30. Juni 2014 | 01:36
von Walter Ludin
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