Markus Baumgartner

Gutes tun tut einem selber gut

Im Lockdown war die Hilfsbereitschaft der Freiwilligen und der Kirchen in der Schweiz riesig. Nun liefern Wissenschaftler einen guten Grund, sich weiterhin freiwillig zu engagieren: Regelmässige ehrenamtliche Arbeit bietet nachweislich Vorteile für die Gesundheit und das Wohlbefinden. 

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Europa stand die Freiwilligenarbeit im Zentrum des Geschehens. Menschen organisierten sich spontan und halfen einander, wo es ging. Das verlängert das Leben: «Alle paar Tage eine gute Tat – und dafür länger leben? Das tönt nach einer ausgefuchsten PR-Aktion einer Freiwilligenorganisation, schreibt die «Sonntagszeitung». Dass es zufriedener macht, das Selbstwertgefühl steigert oder gegen das schlechte Gewissen hilft, wenn man Bedürftigen Geld spendet oder sich ehrenamtlich engagiert, ist aus zahlreichen Studien bekannt. Jetzt zeigt sich aber, dass selbstloses Verhalten einen unmittelbaren Effekt auf die eigene Gesundheit hat, wie eine Studie einer der renommierten Harvard Universität in Boston (USA) zeigt: Freiwilligenarbeit kann laut den Forschern lebensverlängernd sein.

Länger leben dank Freiwilligenarbeit

35 Indikatoren wurden bei 12’998 Personen über 50 gemessen, die während vier Jahre an der Studie teilgenommen haben. Von jenen, die mindestens 100 Stunden oder zwei Stunden pro Woche jährlich freiwillig tätig gewesen waren, starben in der Zeit deutlich weniger als von jenen, die sich gar nicht engagierten. Ausserdem traten bei den Freiwilligen weniger körperliche Beschwerden auf, sie waren aktiver, hatten ein besseres Wohlbefinden und fühlten sich weniger einsam. «Regelmässige altruistische Aktivität reduziert unser Sterberisiko. Menschen sollten vielleicht in Erwägung ziehen, sich freiwillig zu engagieren, um nicht nur der Gesellschaft, sondern auch ihrer eigenen Gesundheit zu helfen. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Lebenszufriedenheit durch Helfen ein wertvolles Ziel ist», erklärt Studienautor Dr. Eric S. Kim. 

Lockdown löst Hype ums Helfen aus

Schon vor dem Lockdown begannen sich überall in der Schweiz Freiwillige zu formieren. Es entstanden viele Plattformen und Netzwerke, die sich über WhatsApp, Facebook oder Telegram organisierten, teilweise mit weit über 100 Personen pro Gruppe. Kaum trudelte ein Hilfeaufruf wie «Eine betagte Dame brauchte dringend jemanden, der ihren Hund zum Tierarzt bringt» im Chat ein, meldeten sich in Sekundenbruchteilen die ersten Freiwilligen, schreibt die «Sonntagszeitung» weiter. «Zu Beginn hat die Solidarität super funktioniert, rückblickend ist jedoch nicht allzu viel davon übriggeblieben», sagt Thomas Hauser von Benevol Schweiz. Scheinbar braucht es mehr, damit  regelmässig die positive Wirkung von hilfsbereitem Verhalten anhält.

Kirchen springen in die Bresche

Für die Kontinuität sorgen die Hilfsangebote der Kirchen: So haben sich zum Beispiel in Steffisburg die Kirchen zusammengeschlossen und das Angebot «fürenand mitenand» aktiviert. Das ist ein Netzwerk von Freiwilligen, die etwa Botengänge und Einkäufe für andere erledigen. Angebote der Kirchen wie Seelsorge oder Lebensmittelabgabe stehen laufend zur Verfügung. «Eine Kirche ohne sozialen Aspekt verhebt für mich nicht. Für all die Hilfsangebote gleisten wir einen Ersatz auf. Sofort», sagt die Pfarreileiterin Ostermundigen, Edith Zingg, über Zeit nach dem Lockdown in der «Berner Zeitung». Zum Beispiel über Tischlein deck dich: Der Verein, der Lebensmittel verteilt, tut dies in Ostermundigen im katholischen Pfarreizentrum. 60 bis 80 Familien holen Woche für Woche Lebensmittel. Dann stellte der Verein die Abgabe wegen Corona ein. «Innerhalb von zwei Stunden entschieden wir, in die Bresche zu springen», erzählt Edith Zingg.

Pfarrer Felix Scherrer aus Trub sagte in der «Langenthaler Tagblatt: «Mich hat beeindruckt zu sehen und zu spüren, wie Solidarität hautnah gelebt wird. Dass es während des Lockdown möglich war, Projekte innerhalb kürzester Zeit zu lancieren und zu finanzieren, um die vor Corona wochen-, wenn nicht monatelang hätte gefeilscht werden müssen.» Und Pfarrerin Elisabeth Kiener aus Kirchberg ergänzt: «Traditionellerweise kommen die Menschen in die Kirche. Corona zwang uns zum umgekehrten Weg: zur Suche nach neuen Ideen, wie wir aus den kirchlichen Räumen hinaus in den Alltag der Menschen kommen.» Der scheidende höchste Reformierte im Kanton Graubünden, Andreas Thöny sagte der «Bündner Tagblatt»: «Die Kirchen  leisten weiterhin einen gesamt-gesellschaftlich wichtigen Beitrag, den sie nicht an die grosse Glocke hängen. Jugendarbeit, Besuche in Altersheimen und Spitälern, Begleitungen in Trauerphasen und anderen Krisen, und weiteres.»

Bild Quelle unsplash.com
5. April 2021 | 19:15
von Markus Baumgartner
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