Markus Baumgartner

«Gümmele» zum Gottesdienst

Kirche lebt durch Bewegung. Das betrifft nicht nur den Geist, sondern auch das Fleisch: Seit Jahren werden Velo-Gottesdienste angeboten. Es sind Velo-Pilgerwege entstanden. Durch die Auswirkungen der Pandemie erlebt das Fahrrad gerade einen Schub. 

Schon während dem Lockdown erlebten die Velos grossen Aufschwung: Der US-Velohersteller «Peloton» veranstaltete virtuellen Fahrradsitzungen. Daran nahm schon eine Rekordzahl von 23’000 Teilnehmern an einer einzigen Online-Trainingsklasse teil. Die weltweite Mitgliedergemeinschaft beträgt schon über zwei Millionen. Die Nutzung von «Strava», einer Fitnesstracking-App, verdreifachte sich während des Lockdowns auf über 55 Millionen. «Zwift» ist eine Online-Radsportplattform und bringt die virtuelle Erfahrung auf ein neues Niveau.

Nun steht das Velo auch nach dem Lockdown im Vordergrund: Es ist eine Möglichkeit, «die Mindestanforderungen an die tägliche körperliche Aktivität zu erfüllen», wie es die WHO empfiehlt. Überall auf der Welt fördern Regierungen das Pendeln mit dem Fahrrad als eine sicherere Alternative zum öffentlichen Verkehr. In Grossbritannien und Frankreich werden Unterstützungsgelder zur Verfügung gestellt, zum Beispiel Subventionen für Reparaturen und den Kauf von E-Bikes. Ob vorübergehend oder nicht: Hunderte von Kilometern von «Korona-Radwegen» tauchen derzeit auf. Dadurch wird der Raum auf den Strassen von den Autos auf die Velos umverteilt. Vorbild sind die Niederlande, wo 27 Prozent aller Fahrten mit dem Velo zurückgelegt werden.

Velo-Gottesdienste

Das Radfahren im Innen- und Aussenbereich entwickelt sich rasch weiter. Davon können auch die Kirchen profitieren. Sie können Vorbilder werden, wenn vor der Kirche mehr Velos als Autos stehen.  Einige Kirchen bieten seit Jahren spezielle – teilweise regionale – Velo-Gottesdienste an. So schritt zum regionalen Velo-Gottesdienst

in Reute AR Pfarrerin Martina Tapernoux-Tanner nicht im Talar auf, sondern überraschte mit einem Auftritt auf dem Einrad. Die Balance, das Gleichgewicht zu halten sei die Schwierigkeit – auf dem Velo wie auch im Leben. Auf dem Velo merke man schnell, wenn das Gleichgewicht nicht mehr gegeben ist. Aber im Leben sei es schwieriger zu bemerken. Umfallen gehört zum Leben. Wichtig sei, wieder auf die Beine zu kommen, schrieb das «St. Galler Tagblatt».

Velowegkirchen und Herzrouten

Eine andere spirituelle Brücke zu den Fahrrädern schlagen die so genannten «Velowegkirchen». Unter der Bezeichnung «Tankstellen für die Seele» haben die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn diesen entlang der «Herzrouten99» eingerichtet. Die E-Bike-Route führt quer durch die Schweiz. Verschiedene katholische und reformierte Kirchen im Schweizer Mittelland laden die Velofahrenden zu einer Pause ein. Nebst der Erfrischung für den Körper werden sie ermuntert, mit dem Kirchenbesuch auch für die Seele etwas Gutes zu tun.

Einige Kirchen machen bei «Bike to work» mit. Dabei handelt es sich um eine schweizweite Aktion zur Gesundheitsförderung in Unternehmen. Die Arbeitnehmenden verpflichten sich bei der Aktion, ihren Arbeitsweg während ein oder zwei Monaten mit dem Fahrrad zurückzulegen. «Wenn wir unterwegs sind, erleben wir eine grosse Freiheit. In den Bergen, in der Natur, weg von Dingen, die uns belasten. Gleichzeitig wissen wir, dass wir stetig begrenzt sind: Unsere Kräfte sind nicht unendlich, unsere Möglichkeiten haben Limiten», schrieb Pfarrer Philippe Müller in der Einladung zum Velo-Gottesdienst in Ebnat-Kappel.

Bild Quelle evang-affeltrangen.ch
8. Juni 2020 | 21:58
von Markus Baumgartner
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