Konzilsblogteam

Gottes Wort im Wort des Menschen

Die Arbeit am Text der Offenbarungskonstitution gestaltete sich mühsam. Zu gross waren die Differenzen im Hinblick auf das Verständnis von Tradition und ihr Verhältnis zur Heiligen Schrift. Ausserdem hatte sich in den Köpfen nicht weniger Konzilsväter die traditionelle Vorstellung eingenistet, dass die Heilige Schrift, weil göttlich inspiriert, in jeder Hinsicht irrtumslos sei. Es musste daher wie ein Schock wirken, als Kardinal König, der Erzbischof von Wien, als ausgewiesener Orientalist in einer Rede in der Konzilsaula am 2.Oktober 1964 einige Irrtümer aufwies, die in der Heiligen Schrift zu finden seien (falsche Datierung, falsches Zitat u.ä.). Es sei eine Frage der intellektuellen Redlichkeit, die Unhaltbarkeit eines ungeschichtlichen, zu jeder Zeit und in jeder Hinsicht Gültigkeit beanspruchenden Wahrheitsbegriffs, im Hinblick auf die Schrift zuzugeben. Die Wahrheit der Schrift müsse im Zusammenhang mit den begrenzten menschlichen Fähigkeiten der Hagiographen gesehen werden. Was König hier in der Hermeneutik der Heiligen Schrift darlegte, kann als ein prinzipielles Modell für die Kirche verstanden werden, dass sich Gottes Gnade in menschlicher Schwachheit erweist – ein Lieblingsgedanke von Paulus (vgl. 2 Kor 12,9). Es handelt sich freilich um eine Einsicht, die oft auf Grund eines unerleuchteten Eifers, gedanklicher Starrsinnigkeit und Gesprächsverweigerung auf der Strecke bleibt. Franz König hatte die Weisheit, im Wissen um diese Schwäche zu leben. Seine unbestrittene Autorität half dabei, vielen Konzilsvätern einen neuen Horizont zu eröffnen.
(Hanjo Sauer)

19. Oktober 2015 | 00:36
von Konzilsblogteam
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