Glosse, vom Spital inspiriert
Kein Fortschritt – aus EhrfurchtIch war noch nie im Spital gewesen, ausser bei meiner Geburt. Und dies ist schon recht lange her, nämlich ziemlich genau Vierundsechzigeinhalb Jahre. Begreiflicherweise sind die Erinnerungen daran verblasst. So war ich bei meinem – sozusagen ersten post-embryonalen – Spitaleintritt froh, Infobroschüren vorzufinden.Angesichts der drohenden, recht komplizierten Operation erwies sich die Kleinschrift «Anästhesiologie» als besonders hilfreich. In letzter Zeit seien neue, weitaus schonendere Narkose-Verfahren entwickelt worden. Besonders imponierten mir die «rückenmarksnahen Regionalanästhesien». Laienhaft ausgedrückt: Vor Operationen im unteren Körperbereich wird in der Nähe des Rückenmarks eine Kanüle eingesetzt, die dafür sorgt, dass die Mittel dorthin geleitet werden und den Kopf unbehelligt lassen.So weit, so gut. Doch da kam die böse Überraschung: Die weltkirchli, äh, die weltweite Ärztegesellschaft, allen voran die deutsche Sektion, verbot den Einsatz der neuen Methoden. Eine wichtige Motivation war die Ehrfurcht vor grossen Persönlichkeiten wie den Ärzten Virchow und Sauerbruch. Wollte man etwas Neues einführen, hiesse dies, sie hätten nicht das Bestmögliche getan.Halt! Selbstverständlich hat niemand an ein solches Verbot gedacht. Die Medizin wird ja nicht von der Kirche beherrscht. Dort aber gilt – besonders unter dem heutigen Papst – nur das, was schon von den grossen Persönlichkeiten der Kirchenväterzeit gedacht wurde.Neuere Erkenntnisse haben keine Chance. Es mögen noch so viele hochkarätige Kommissionen feststellen, es gäbe zwischen der katholischen Kirche und der Kirche XY keine kirchentrennenden Hindernissen. Oder wenn Fachleute, im Auftrag der Päpste arbeitend, herausfinden, dass der Weihe von Frauen nicht entgegensteht, geschieht nichts; und so weiter und so fort.Doch: Bekanntlich lässt sich der Frühling nicht aufhalten. Wohl auch nicht in der Kirche.
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