Glaube ich anders, weil ich Physikerin bin?
Am Karfreitag um 14:47 Uhr haben unsere Ministranten mich (als auch-Physikerin) in der Sakristei über das Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft befragt. Dazu muss man wissen, dass der Karfreitags-Gottesdienst um 15 Uhr anfängt, und ich ganz schlecht gelassen sein kann, dementsprechend konnten wir das Thema nicht so tiefgreifend bearbeiten, wie es es verdient hätte. Aber in Winterthur ist die Vorstellung, dass Naturwissenschaftlerinnen nicht gleichzeitig Christinnen sein können, anscheinend gängig. Und auch an ganz anderen Orten: Ingrid Grave sagt im kath.ch-Interview (https://www.kath.ch/newsd/der-glaube-an-die-auferstehung-laesst-sich-nicht-befehlen/), wenn ich sie richtig verstehe, dass der Glaube an die Auferstehung durch naturwissenschaftliches Denken erschwert wird.
Wenn ich dieses Interview lese, dann merke ich tatsächlich, dass ich in Sachen Ostern anders glaube als Grave: Für mich reicht es nicht, die Auferstehung als ein inneres Erleben derjenigen zu verstehen, denen Jesus erschienen ist. Mir ist es wichtig, dass Jesus, der sehr real hingerichtet wurde, auch real wieder lebt, nicht als reine Vision oder ähnlich wie ein Geist. Dass seine Auferstehung auch in die tatsächliche Welt hinein geschehen ist und sich darin auswirkt. Weil mir ein Gott so wichtig ist, der realitäts-relevant ist. Deshalb mag ich die Auferstehungs-Erzählungen, in denen Jesus körperlich greifbar wird – wie am Ende des Lukas-Evangeliums, wo Jesus fragt «Habt ihr etwas zu essen hier?» und dann den Fisch isst, den ihm die vermutlich ziemlich verdatterten Apostel geben. Ein Auferstandener, der so sehr mit der Realität verbunden bleibt, dass er Hunger hat – das finde ich ein geniales Bild. Sozusagen das Gegenstück zu den Bildern, auf denen Maria das Jesuskind stillt.
Kann schon sein, dass ich so glaube, weil ich Naturwissenschaftlerin bin. Nicht, weil ich die physikalische Welt als die einzig existierende ansehe, sondern weil ich sie grossartig finde.
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