Gespür für die notwendigen Zeiträume
Die Kirche braucht Zeit, so auch das Konzil, das ist Congars tiefe Überzeugung (siehe Konzilsblog von gestern). Zwar wirft er sich manchmal selbst zu viel Vorsicht vor. Doch eine gewisse Art des Vorpreschens ist ihm zutiefst fremd. So kritisiert er die «deutsche Methode»: «Sie stürzen mit Macht nach vorn, ohne sich um die anderen zu sorgen. Das wird ein dunkles Chaos auslösen» (Co 1,203). Seinen Kollegen Hans Küng kommentiert er ambivalent. «Küng stürmt vor, er fliegt wie ein Pfeil [… Er] ist ein Fordernder revolutionären Typs. [… Er] nimmt auf nichts anderes Rücksicht als auf die Anforderungen der Sachen, der Texte, auf das, was sie als Fragen und Schlussfolgerungen auferlegen. [… Er] ist etwas ungeduldig. Auch das braucht es. Das ist eine gefährliche Position. Er beunruhigt mich ein bisschen» (Co 1,465f).
Demgegenüber reflektiert Congar seine eigene Überzeugung: «Ich bin wachsam für das, was schon gewachsen ist, und zwar in grossartiger Weise. Man muss sehen, WOHER wir kommen, den bereits zurückgelegten Weg. […] Man muss auch sehen, was möglich gewesen ist und was möglich ist. […] Es ist eine Frage des starken Gespürs, das ich für die notwendigen Zeiträume [délais nécessaires] und für die Kraft einer aktiven Geduld habe. […] Ich glaube zutiefst an die notwendigen Zeiträume, Etappen. Ich habe GESEHEN, dass meine Überzeugung WAHR ist. Ich habe auch gesehen, wie viel Weg in dreissig Jahren zurückgelegt worden ist. Ich habe so sehr das Gefühl, dass eine grosse Institution wie die Kirche Veränderung in einem massvollen Tempo braucht» (Co 1,465-467). Dieses massvolle Tempo braucht es vor allem deswegen, weil die Kirche gemeinsam voranschreiten und dabei die unterschiedlichen Richtungen integrieren muss. Konkret heisst das, und hier zeigt sich die Grösse Congars: «Die katholische Kirche besteht AUCH aus Ottaviani und Parente, aus Tromp und aus dem Erzbischof von Bénévent» (Co 1,466). Letzterer hatte Congar zuvor hart angegriffen (vgl. Co 1,254.498).
(emf)
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