Rebekka Rieser

Gespräche mit Indonesiern über Gott und Religion

Normalerweise werde ich mich auf kath.ch eher popkulturellen Themen widmen. Da ich aber gerade eine 4-wöchige Reise in Indonesien gemacht habe, dachte ich es wäre interessant, einen Beitrag zum «indonesischen» Religionsverständnis zu schreiben.

Indonesien ein Staat, welcher nur aus Inseln besteht, zeigt viele verschiedene Gesichter bezüglich Religion. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung bezeichnet sich selber als Muslime, was das Land zum grössten muslimischen Staat der Welt macht. Grössere Minderheiten bekennen sich zum Hinduismus oder Christentum. Wobei ganze Inseln (beispielsweise Bali oder Flores) hinduistisch oder christlich geprägt sind. Speziell ist zudem, dass überall noch kleinere oder grössere religiöse Bräuche (wie Ahnenkult) aus vor-islamischen oder vor-christlichen Zeit mithinein schwingen.

Religion ist in Indonesien überall sichtbar. Sei es in den tausenden und abertausenden Gebetshäusern und Tempeln, in kleinen Opfergaben, die überall in den balinesischen Strassen liegen oder an der vielfältigen religiösen Kleidung, die vom Kleinkind bis zum Greis, in der Stadt und bis zum entlegensten Berg (Vulkan) Dorf, modern oder traditionell getragen wird.

© 2016 Rebekka Rieser Heilige Waschungen im Hindu Tempel «Pura Tirta Empul» in Bali | © 2016 Rebekka Rieser

Doch was denkt der Indonesier eigentlich persönlich über Religion, Gott oder religiöse Institutionen?

Die Reise durch Java, Bali und Flores ermöglichte mir so einige Gespräche mit Locals. Vornehmlich waren es Diskussionen mit Männern zwischen 25-45 Jahren.

Fangen wir in Westjava in Cianjur an. Eine kleine Stadt 2.5h von Jakarta entfernt, im sogenannten sundanesischen Java. Dort habe ich einen ca. 33-jährigen Mann, namens K. kennengelernt. Er lebt seinen muslimischen Glauben sehr fromm aus. So ist es für ihn normaler Alltag, 5-mal am Tag mit traditioneller Kopfbedeckung – eine Takke – und Sarong zu beten. Über Religion redet er nicht gerne. Für ihn ist klar, dass Allah und der Koran zu seinem Leben gehören und auch in den Alltag integriert werden, egal wo er sich gerade befindet. Auch den Ramadan versucht er pflichtbewusst durchzuziehen, selbst wenn es ihm ab und zu schwer falle und er schon ein oder zweimal das Fasten unterbrechen musste. Auf die traditionelle Kleidung legt er aber nur beim Beten wert.

© 2016 Rebekka Rieser Muslimische Mädchen in Cianjur | © 2016 Rebekka Rieser

Auf der Fahrt von Surabaya nach Banyuwangi lernte ich den Baptisten B. kennen. Gott gehört zu seinem Alltag, wenn auch eher subtil und nicht so offensichtlich. Wichtige religiöse Traditionen wie eine christliche Hochzeit, Taufe oder ein christlichen Namen und generell der Glauben an Gott sind dabei zentrale Punkte. Er gehört zwar einer Minderheit an, sprach aber nicht über eine Benachteiligung seiner Glaubensgemeinschaft in Java. Religiöse Toleranz sei für ihn sei für ihn ein wichtiger Stichpunkt, wenn es um Religion und Indonesien geht. Zudem fühle er sich den Moslems näher als den Hindus, bemerkte er und machte sich ein wenig darüber lustig, dass Bali anscheinend Palmenblätter von Java importieren müsse, weil sie, aufgrund der Opferschalen, so einen hohen Verbrauch hätten.

Die dritte Begegnung dem 27-Jährigen Javanese C. mündete in einer philosophischen Diskussion über Gott, Religion und die Ehe. Er selbst bezeichnete sich als Atheist. Für ihn haben die Organisationen die Religion und den Glauben zerstört. Es ginge allen nur um den finanziellen Profit und politische Macht aber nicht mehr um Frieden und Einheit. Er verstünde nicht, weshalb man sich wegen der Missachtung von religiösen Geboten oder dem Ausleben anderweitigen Ideologien bekriegen müsse. Aus all diesen Gründen habe er dem Glauben abgeschworen und bezeichnet sich nun als Atheist (was nach seiner Ansichten hier in Indonesien kein Problem sei zuzugeben) . Auch das Thema Liebe und Ehe sind für ihn stark mit Religion verknüpft. So sieht er in der Ehe eine religiöse Verpflichtung, die er nicht nachvollziehen kann. Weshalb müsse er eine Frau gleich heiraten, nur um mit ihr zusammen zu sein? Er beneide das System in Europa, wo für ihn die freie Liebe gelebt werden könne und viele Menschen, seiner Meinung nach, nicht mehr religiös sind.

Eines der letzten Gespräche fand auf der Insel Flores statt. Dort lernte ich den 32-Jährigen Balinesen C. kennen, der sich wiederum zum Islam bekennt. Er sei verheiratet gewesen und habe ein kleines Mädchen. Doch die Drogen zerstörten seine Ehe, weshalb er schliesslich nach Flores ging. Hier wolle er versuchen von den Drogen wegzukommen. Als Hilfe diene ihm Gott dazu. Von Traditionen, Bräuchen oder Schriften hält er nicht viel. Glaube bedeutet für ihn, Gott in seinem Leben an die erste Stelle zu setzen und meint damit, Gott stets in seinem Herzen zu tragen und ihn als das Wichtigste zu erachten. Zudem sei es egal, ob man Christ, Hindu oder Moslem sei, solange dieses Prinzip eingehalten werde.

© 2016 Rebekka Rieser Gräber in Flores | © 2016 Rebekka Rieser

© 2016 Rebekka Rieser

Jede dieser Begegnungen könnten noch ausführlicher beschrieben werden, da sich die Gespräche meistens über Stunden hinwegzogen. Die Kerngedanken der Gespräche sind mir allerdings stets geblieben. Sie haben mir gezeigt, dass viel über Religion und die Bedeutung von Religion im eigenen Leben nachgedacht und reflektiert wird. Egal ob die Person nun gläubig ist oder nicht, stellt die Religion doch einen bestimmten Aspekt in seinen Erfahrungen und Überlegungen dar.

Gerne hätte ich ein solches Gespräch auch noch mit einer Frau geführt, um zu hören wie es ihnen in dieser Thematik ergeht. Leider hat sich keine Gelegenheit dazu ergeben.

Vielleicht das nächste Mal.

Frauen im Hindu Tempel «Pura Tirta Empul» in Bali | © 2016 Rebekka Rieser
4. September 2016 | 21:11
von Rebekka Rieser
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