Walter Ludin

Geschiedene: Vatikan-Müller protestiert gegen Barmherzigkeit

Während Papst Franziskus laut Barmherzigkeit fordert, protestiert sein Glaubenswächter L. Müller lauthals gegen ein barmherziges Verhalten gegenüber geschiedenen Wiederverheiraten. Dazu ein sehr lesenswerter Kommentar von Norbert Scholl:
Erzbischof Müller, der Wille Gottes und die wiederverheirateten Geschiedenen
Der derzeitige, von Benedikt XVI. kurz vor seinem Amtsverzicht berufene, von Papst Franziskus in seinem Amt noch nicht endgültig bestätigte Leiter der Römischen Glaubenskongregation Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, sieht keine Möglichkeit, geschiedene Katholiken nach erneuter Heirat zur Kommunion zuzulassen. Weil es sich dabei um eine «göttliche Norm» handle, könne die Kirche darüber nicht verfügen. Müller scheint sehr genau über den Willen Gottes Bescheid zu wissen. Denn die Praxis der Orthodoxen Kirchen, Zweit- und Drittehen unter ihren Mitgliedern zuzulassen und zu segnen, ist «mit dem Willen Gottes nicht zu vereinbaren». Auch eine Berufung auf die «göttliche Barmherzigkeit» ist unzulässig. Wenn der Erzbischof sich etwas genauer im Neuen Testament und in der Kirchengeschichte informiert hätte, würde er vielleicht mit seinem Verdikt etwas vorsichtiger sein mit seiner kategorischen Ablehnung und der Berufung auf den Willen Gottes.
Denn nach dem Zeugnis einiger Kirchenväter wurde in einzelnen Situationen die Wiederheirat geduldet, wenn auch zögernd und nach Ableistung einer öffentlichen Busse. Ein anschauliches Zeugnis dieser Praxis gibt Origenes († 254): «Schon haben auch einige Vorsteher der Kirche gegen das, was geschrieben steht, gestattet, dass eine Frau zu Lebzeiten des Mannes heiraten kann. Sie handeln damit gegen das Wort der Schrift (1 Kor 7,39 und Röm 7,3 werden angeführt,.), freilich nicht gänzlich unvernünftig. Man darf nämlich annehmen, dass sie dieses Vorgehen im Widerspruch zu dem von Anfang an Gesetzten und Geschriebenen zur Vermeidung von Schlimmerem zugestanden haben.» (…)
 Auch Pius XI. bezeichnete 1930 die Lehre von Trient über die Ehescheidung zwar als «sicher», nicht aber als «unfehlbar» oder «endgültig».
Im Matthäusevangelium gibt es ein Jesuswort, wonach der Mann seine Frau durchaus verlassen kann – im Fall von «Unzucht» (Mt 5,32; 19,9). (…)
Auffällig ist, dass bei Matthäus und auch bei Lukas nur Männer als Adressaten genannt sind. Männern war es nach alttestamentlicher Gesetzgebung erlaubt, der Frau einen Scheidebrief auszustellen, um sich von ihr zu trennen. Diese Scheidungspraxis wurde in der Zeit Jesu recht grosszügig gehandhabt. Gegen diese geltende Ehescheidungspraxis wendet sich Jesus: «Ihr könnt euch zwar formal auf das Recht berufen, aber in Wirklichkeit versteckt ihr dahinter ein schreiendes Unrecht. Ihr verbiegt den Willen Gottes. Gott will die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Er hat nur den einen Menschen geschaffen – und den als männlich und als weiblich.» Jesus will mit seinem generellen Ehescheidungsverbot die Frau in Schutz nehmen vor der Willkür des Mannes und vor seinem Besitzanspruch. (…)
Auf Dauer wird die katholische Kirche nicht umhin kommen, der Tatsache des Scheiterns vieler Ehen und der Wiederverheiratung anders zu begegnen als bisher. Niemand verlangt, dass sie eine Scheidung offiziell anerkennt oder gutheisst. Sie erkennt auch die Sünde nicht an; aber sie vergibt die Sünde. Sie heisst die Schuld gegenüber Gott und den Menschen nicht gut; aber sie übt Barmherzigkeit gegenüber den schuldig Gewordenen.
Einige Grundsätze, die für eine mögliche (Wieder-)Zulassung zu den Sakramenten der Versöhnung und der Eucharistie gelten könnten, hat schon vor 40 Jahren Kardinal Lehmann vorgelegt (bei dem Müller promoviert wurde). Eine derartige Praxis der Barmherzigkeit und Vergebung, sollte sie in der katholischen Kirche Einzug halten, wird nicht zu einem «Dammbruch» führen. Es geht nicht um eine Freigabe der Wiederverheiratung Geschiedener in der Kirche, sondern um eine Möglichkeit, unter den heutigen gesellschaftlichen und pastoralen Umständen eine glaubwürdige Form zu finden, die barmherzige Praxis Jesu auf betroffene Menschen hin auszuweiten und konkret werden zu lassen.
Ein beinhartes «Njet» unter fragwürdiger (wenn nicht blasphemischer) Berufung auf den Willen Gottes, wie es Erzbischof Müller praktiziert, wird auf Dauer nicht zu halten sein.
Norbert Scholl, Wilhelmsfeld
 

5. Juli 2013 | 01:00
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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