Heinz Angehrn

Genialität für Connaisseurs

Dann am Abend nach dem Rutschen und Rascheln im intimen Kreis der Kammermusikfans (kein Getuschel, kein Geraschel, es störte nur schon, wenn ein Programmheft irgendwo zu Boden fiel) der Auftritt von Nikolai Demidenko mit Werken aus Schuberts letztem Lebensjahr. Neben den überaus populären Impromptus D 899 standen die Klavierstücke D 946 und die c-Moll-Sonate D 958.
Zum Ersten ein grosser Dank an die St.Galler Organisatoren, denen es gelingt, immer wieder herausragende Klavier-Interpreten der Gattung «Künstler-Eremit-Autist» zu uns zu holen. Nach Radu Lupu, Grigory Sokolov und Evgeni Koroliov nun also Demidenko. Ein ganz anderer Stil des Anschlags, ein förmliches Hineinkriechen in die Tasten, ein meditatives Suchen nach dem inneren Kern eines Werks zu Beginn und eine hohe Virtuosität zeichnen ihn aus. So wurden denn für mich das Adagio (ein spiritueller Seelenraum, wie er nur bei Schubert entsteht) und finale Allegro (mit Rhythmuswechseln, die weit in die Moderne vorausschauen) aus der Sonate zum Höhepunkt.
Zum Andern das tolle Erlebnis den Künstler anschliessend beim Abendessen als ganz normalen, überhaupt nicht autistisch wirkenden (Gin-Tonic trinkenden!) Menschen wahr zu nehmen. Das ermöglichte mir, ihm zu entlocken, welches seine zweite Zugabe (nach Chopin) war, die niemand erkannte: Nikolai Medtner (1880-1951) in den Westen emigrierter Anti-Modernist und Spätromantiker, war’s. Faszinierend, so eine Entdeckung. Ich hörte irgendwas zwischen Rachmaninow und Gershwin und konnte es nicht zuordnen.
Es sollte mehr solche Abende geben.

20. Januar 2012 | 11:35
von Heinz Angehrn
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