Heinz Angehrn

Geisterbahn 2

An diesem Nachmittag im April nun war sein Inneres etwa ähnlich grau und trüb wie das öde Frühlingswetter, das langsam Regentropfen an die Scheiben des Schulzimmers fallen liess. Ein neuer Schüler, Reto, war zu Beginn des Schuljahres in die Klasse gekommen. Einige Geheimnisse umgaben ihn, so wurde gesagt, er müsse das Schuljahr wiederholen, andere aber meinten, er sei in dieses Schulhaus strafversetzt worden. Ingo wusste nicht, was nun stimmte, auch hätte er es nie gewagt, Reto selber danach zu fragen. Reto war nicht nur fremd, er machte ihm auch Angst. Etliche Zentimeter grösser als Ingo, stark und sportlich und so Ingo in der Schulstunde, die dieser am meisten fürchtete, dem Turnen, meilenweit überlegen. Aber nicht nur das: Wenn er sprach, tönte seine Rede mutig, ja frech und verwegen. Er sprach zu Ingos Klassenkameraden in einem Tonfall und mit Worten, die die heilige Autorität der Schule und der in ihr herrschenden Erwachsenen zutiefst in Frage stellten. Ingo hörte ihn, hörte wohl, dass wenig, was er zu sagen hatte, wohl begründet war und vor höheren Instanzen darum kaum Anerkennung gefunden hätte. Und doch machte ihm Reto Angst, vor allem befürchtete er, dass dessen Fäuste wohl ähnlich hart wie seine Reden sein könnten.

9. September 2011 | 08:00
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 1  Min.
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