Pater Martin Werlen

Gegen Wahlen

Interesse an diesem Buch? Wohl kaum. Drei Gründe haben mich bewegt, es trotzdem zu lesen: 1. Ich erhielt das Buch von dem Atheisten geschenkt, der auch das Buch «Zu spät» ausgelöst hat; 2. Von diesem Atheisten habe ich bereits das Buch «Kongo» geschenkt bekommen, das mir die Augen für Afrika geöffnet hat; 3. Die beiden Bücher haben denselben Autor, den ich für einen grossen Denker unserer Zeit halte.

Die Demokratie ist am Kränkeln – auch bei uns (ein Blick auf die Beteiligung an Wahlen und Abstimmungen genügt). Parteien und Parolen bekommen Aufschwung, die mit Hilfe der Demokratie die Demokratie zu zerstören fähig sind. Das darf uns nicht gleichgültig lassen. Der Autor geht dem Ursprung der Demokratie nach und legt dar, dass Wahlen nicht die ursprüngliche demokratische Methode sind, sondern das Losen und die Rotation.

Das Buch gibt einen überraschenden Einblick in die Geschichte der Demokratie und in verschiedene ihrer Methoden. Der Autor legt überzeugend dar, dass neben der Wahl heute auch das Los wiederentdeckt und gewagt werden sollte. «Ich glaube, dass der dramatischen Systemkrise der Demokratie abgeholfen werden kann, indem man dem Losverfahren eine neue Chance gibt. … Das Risiko von Korruption wird kleiner, das Wahlfieber sinkt, die Aufmerksamkeit für das Gemeinwohl nimmt zu. Ausgeloste Bürger haben vielleicht nicht die Expertise von Berufspolitikern, aber sie haben etwas anderes: Freiheit. Sie brauchen schliesslich nicht gewählt oder wiedergewählt zu werden» (156).

Nach der Lektüre ging mir plötzlich auf: Wäre das nicht auch in der Kirche umsetzbar? Das Losverfahren ist in der Heiligen Schrift verankert, nicht die Abstimmung. Auf diese Weise wurde nach dem Ausscheiden von Judas der so wichtige Zwölferkreis wieder vervollständigt (vgl. Apg 1,26). Dieses Verfahren kommt heute noch in der Bestimmung des koptischen Papstes zum Einsatz. Die Kopten wählen in einem langen und breit abgestützten Prozess drei Kandidaten für das Papstamt. Nach einer feierlichen Liturgie zieht ein Kind eines der drei Lose mit den Namen.

Wie anders hätte manche Dreierliste aus Rom in der Vergangenheit ausgesehen, wenn der zukünftige Bischof in der Diözese per Los bestimmt worden wäre! Stellen wir uns vor, was in einer Pfarrei in Bewegung kommt, wenn der Pfarreirat so zusammengesetzt wird! Aus allen Getauften und Gefirmten werden die Mitglieder für den Rat gelost. So kann nur handeln, wer nicht nur von der Gott geschenkten Würde von Getauften und Gefirmten spricht, sondern davon auch überzeugt ist. Bereits die Ankündigung eines solchen Prozesses würde einiges auslösen. Im Pfarreirat wäre die Pfarrei vertreten. «Demokratie … gedeiht gerade dadurch, dass eine Vielfalt von Stimmen zu Wort kommt» (157).

Ich freue mich, dass ich nächstes Jahr in der Propstei St. Gerold mit Interessierten solche Schritte vorbereiten darf. Und ich bin überzeugt: Erfahrungen damit im kirchlichen Bereich können auch fruchtbar gemacht werden für Prozesse in der ganzen Gesellschaft.

David Van Reybrouck, Gegen Wahlen. Warum Abstimmen nicht demokratisch ist. Göttingen 52018.

Gegen Wahlen | Martin Werlen
6. März 2020 | 09:14
von Pater Martin Werlen
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