Bettina Flick

Geburtstagsparty im «Käfig»

Zur Zeit arbeite ich als Menschenrechtsbeobachterin mit EAPPI in Hebron, einer Stadt in Palästina.

YAS, Youth against settlements, ist eine gewaltfreie Organisation für junge Menschen in der halb abgesperrten Zone in Hebron, «H2» genannt, in der wir arbeiten. Ich habe grosse Achtung vor dem, was diese Menschen auf die Beine stellen und mit wieviel Kraft und Mut sie sich einsetzen für ein friedvolles Ende der Besatzung, für die Zukunft der Kinder und Jugendlichen.

So freuten wir uns, als YAS uns einlud, an einer ganz besonderen Geburtstagsfeier teilzunehmen. Seit letzten Dezember ist Ahed Tamimi, eine junge Palästinenserin, im israelischen Gefängnis, weil sie einen israelischen Soldaten geohrfeigt und getreten hat. Direkt zuvor hatte sie erfahren, dass ein israelischer Soldat ihrem 15jähriger Cousin und Nachbarn aus nächster Nähe in den Kopf geschossen hatte. Als sie sah, dass zwei hochbewaffnete israelische Soldaten den Garten ihres Hauses betraten, rannte sie ihnen entgegen und wehrte sich. Die Soldaten reagierten ruhig und besonnen. Erst als ein Video dieser Szene im Internet bekannt wurde, verhaftete das israelische Militär in einigen nächtlichen Razzien Ahed, ihre Mutter und weitere Mitglieder ihrer Familie. In diesen Tagen soll der Gerichtsprozess gegen Ahed stattfinden. Ihr drohen bis zu 12 Jahren Gefängnis für ihre Ohrfeige.

Ahed ist am 30. Januar im Gefängnis 17 Jahre alt geworden.

Laut israelischem Militärgesetz, das für Palästinenserinnen und Palästinenser in den besetzten Gebieten angewendet wird, können Kinder ab 12 Jahren ins Gefängnis kommen. Für Kinder mit israelischer Staatsangehörigkeit in den besetzten Gebieten gilt dieses Gesetz nicht.

Am 30. Januar hat YAS zu einer grossen Geburtstagsparty eingeladen – für Ahed, für alle Kinder in israelischen Gefängnissen (laut DCI, Defence for children international, waren dies per Mitte Dezember 2017: 6 Mädchen und 270 Jungs), und für die Kinder, die in Hebron in einer Art «Käfig» leben.

Der «Käfig besteht aus einem ca. 3 Meter hohen Drahtzaun, der um einen Teil eines palästinensischen Quartiers errichtet wurde. Dieses Quartier liegt in direkter Nachbarschaft zum jüdischen Teil der Ibrahimi Moschee, zur «Machpela». Die Menschen, die dort leben, müssen ihr Quartier durch ein Tor verlassen, dass einen sehr schrillen Ton von sich gibt, sobald es geöffnet wird. So hören die Soldaten, die in der Nähe stationiert sind, dass jemand durch dieses Tor geht.

In diesem «Käfig» fand die Party statt. Als wir ankamen, hatten israelische Soldaten alles abgeriegelt, niemand mehr durfte durch das Tor hinein oder hinaus. Drinnen hörten wir laute Musik und sahen ca. 100 bis 200 Menschen dicht gedrängt stehen oder sogar tanzen. Unglaublich viele Kinder waren dort. Die Soldaten waren am Anfang sehr nervös. So standen wir eine Weile in Sichtweite zur Party ausserhalb, gut bewacht von bewaffneten Soldatinnen und Soldaten. Zuerst dachten wir, das ist ein guter Platz, so wird unsere internationale Präsenz gesehen und vielleicht eskaliert es nicht so schnell. Dann sah uns Issa Amro, der Gründer von YAS und rief uns zu, wir sollten den oberen Eingang nehmen und hineinkommen. Wir gingen ausserhalb des «Käfigs» eine Strasse hoch, durch einen Checkpoint mit zwei SoldatInnen und wollten gerade in den «Käfig» hinein, als die Soldatin uns zurief, wir dürften nicht hinein, ihr Vorgesetzter habe strenge Anweisungen gegeben, niemanden hineinzulassen. Ich zeigte ihr die Muffins, die ich dabeihatte und erklärte ihr, dass das eine Geburtstagsparty für Kinder sei und die auf meine Muffins warten würden. Die Soldatin war sehr nett und bemüht, sie telefonierte mit ihrem Vorgesetzten und erhielt die Erlaubnis, uns durchgehen zu lassen. Wir waren gerade drin, als sie einen neuen Anruf erhielt und uns zurückrief: Ihr Vorgesetzter habe ihr mitgeteilt, dass keine Fotos erlaubt seien, ob wir Kameras dabeihätten. Meine beiden KollegInnen verneinten wahrheitsgemäss, die Soldatin checkte den Rucksack von M, dann sah sie mich an und wollte gerade fragen – doch bevor sie etwas sagen konnte, hielt ich ihr meine Muffins hin und lud sie ein, einen zu nehmen. «Kokos oder Schoggi? Sind beide fein!» Sie lehnte dankend ab und liess uns hinein.

Das Fest war laut und lebendig. Die Jungs und jungen Männer tanzten auf engstem Raum wild und ausgelassen Dabke, einen palästinensischen Tanz, die Mütter standen mit den kleinen Kindern am Rand mit strahlenden Gesichtern. Zwischendurch gab es ein verschiedene Reden. Issa Amro sprach von Ahed Tamimi, den anderen Kindern im Gefängnis und auch von dem 12jährigen Jungen, der hier wohnt und erst ein paar Tage zuvor von israelischen Soldaten geschlagen worden war, weil er den Zaun des «Käfigs» hochgeklettert war. Mehrere Male sangen wir «Happy birthday» und ein Höhepunkt für die Kinder waren die zwei riesigen Torten, die an sie verteilt wurden. Meine Muffins «verschwanden» recht schnell, als die Mütter am Rand des Festes das Blech entdeckten. Das Blech diente übrigens später als «Trommel» und gab den Takt für einen Tanz, bei dem unser männliches Teammitglied mittanzen konnte.

Nach zwei Stunden wurde die Musik ausgeschaltet, die Menschenmenge löste sich auf. Es war ein so gelungenes Fest! Wir waren froh und glücklich und auch erleichtert, dass das israelische Militär die Party zugelassen hatte. Manchmal kommt es bei solchen Veranstaltungen zu Gewalt und Ausschreitungen. Doch dieses Mal war es gelungen, diesen Kindern einen wundervollen Abend zu schenken, bei dem sie all die Not und Bedrohung der Besatzung vergessen konnten, selbst die Präsenz der SoldatInnen, die ausserhalb des Käfigs standen und zuschauten.

Blick von aussen auf den «Käfig»

Ahed Käfig von aussen

tanzende Kinder auf engstem Raum

Ahed Party

Ich wurde von HEKS-EPER und Peace Watch Switzerland als Ökumenische Begleiterin nach Palästina und Israel gesendet, wo ich am Ökumenischen Begleitprogramm (EAPPI) des Weltkirchenrates teilnehme. Die in diesem Artikel vertretene Meinung ist persönlich und deckt sich nicht zwingend mit denjenigen der Sendeorganisationen. Falls Sie Teile daraus verwenden oder den Text weitersenden möchten, kontaktieren Sie bitte zuerst Peace Watch Switzerland unter eappi@peacewatch.ch.

Plakat am «Käfig-Zaun» in Hebron | © Bettina Flick
2. Februar 2018 | 13:17
von Bettina Flick
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