Walter Ludin

Gänswein und seine skandalöse Stellungnahme zu geschiedenen Wiederverheirateten

«Der Kurienerzbischof Georg Gänswein sagt klar, dass die Frage nach der Zulassung geschiedener und wiederverheirateter Katholiken zur Eucharistiefeier durch Papst Johannes Paul II. schon vor 20 Jahren entschieden worden sei und an der kommenden Bischofssynode gar nicht diskutiert werden müsse.» (kath.ch)
Ich halte eine solche Stellungnahme für skandalös. Da lädt Papst Franziskus die weltweite Kirche dazu ein, diese und andere Fragen ernsthaft zu prüfen. Und da kommt einer seiner engsten Mitarbeiter und behauptet, alles sei entschieden. Zum Glück ist Kardinal Walter Kasper ganz anderer Meinung. Er hält Änderungen (er sieht sie im Kontext der Busspraxis)durchaus für möglich. Aus seinem langen, sehr differenziert argumentierenden Artikel in den «Stimmen der Zeit»:
" … Wäre eine solche Weiterentwicklung der kirchlichen Busspraxis ein Bruch mit der Lehre und Praxis der Kirche – oder nicht eher im Sinn der Hermeneutik der Kontinuität zu verstehen? Denn die recht verstandene Hermeneutik der Kontinuität schliesst in dem Sinn, wie Papst Benedikt sie in der bekannten Rede beim Weihnachtsempfang 2005 dargelegt hat, praktische Reformen und damit ein Moment der Diskontinuität nicht aus, sondern ein.
Die Offenbarungswahrheit ist ja kein in Stein gemeisseltes starres System, sondern ein durch den Geist des lebendigen Gottes in die Herzen von Fleisch geschriebener Liebesbrief Gottes (vgl. 2 Kor 3,3). Gott ist durch seinen Geist ohne Unterlass im Gespräch mit der Kirche, der Braut seines Sohnes, um sie immer wieder neu in die ganze Wahrheit einzuführen (Joh 16,13) und das Evangelium, das immer dasselbe ist, in seiner ewigen Neuheit zu erschliessen.
Die Barmherzigkeit ist diese ewige Neuheit. In ihr scheint die Souveranität Gottes auf, mit der er sich seinem Wesen, das Liebe ist (1 Joh 4,8), wie seinem Bund immer wieder aufs Neue treu ist. Die Barmherzigkeit ist die Offenbarung der Treue und der Identität Gottes mit sich selbst und damit zugleich Ausweis der christlichen Identität. Darum hebt die Barmherzigkeit die christliche Wahrheit nicht auf. Sie ist ja selbst eine geoffenbarte Wahrheit, welche mit den grundlegenden Wahrheiten des Glaubens, mit der Menschwerdung, dem Tod und der Auferstehung Christi in unlösbarem Zusammenhang steht und ohne diese ins Nichts fallen wurde. Umgekehrt wurden alle diese Wahrheiten ohne die Zärtlichkeit der Barmherzigkeit zu einem starren und kalten System. Die Barmherzigkeit lässt sie immer wieder überraschend neu aufleuchten und verleiht dem Glauben immer wieder neu Strahlkraft. Nur so kann neue Evangelisierung gelingen.
 

24. Juli 2015 | 01:42
von Walter Ludin
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