Flüchtlinge bei Ochs und Esel
Weihnachten ist eine Zeit der Engel. Auf den meisten Bilder von diesem Fest schweben strahlende, lichtvolle Wesen singend über der Krippe. Diese Darstellung ist sicher nicht falsch. Engel kommen ja auch in den biblischen Geschichten von Weihnachten vor.
(So fange ich morgen meine Weihnachtsmeditation bei radio central an. Weil ich annehme, dass nicht Hunderte von Zuhörenden meinen Blog lesen, poste ich meinen Text schon heute ….)
Aber das heutige Fest hat auch eine sehr bodenständige Seite. Wir können sogar sagen: Es geht tierisch zu und her:
– Bekanntlich stehen an vielen Orten Ochs und Esel an der Krippe.
– Es gibt Schafherden.
Und die Schaf werden von Hirten geweidet. Ausgerechnet diesevernehmen als erste die Weihnachts-Botschaft. Überraschenderweise gehen die Engel mit ihrer Meldung von der Geburt Jesu zuerst zu den Hirten.
Das ist gar nicht selbstverständlich. Denn die Hirten waren damals nicht die romantischen Figuren gewesen, wie sie dargestellt werden. Sie waren keine Softies. Eher das Gegenteil: Sie hat damals ein sehr schlechtes Image gehabt als raue, rohe Gesellen. Es hat sicher nicht selten unter ihnen Schlägerei gegeben um Weideland oder verlorene Schaf.
Es tut gut, bei aller Weihnachts-Romantik auch solche weniger gemütlichen Seiten von diesem Fest zu sehen. Darum freut mich die Weihnachtsgeschichte, wo vor fünf-sechs Jahren der deutsche Rockstar Udo Lindenberg erzählt hat. Der heilige Josef redet dort wie ein Handwerker, was er ja als Zimmermann tatsächlich gewesen ist.
Der Bauer, der dem heiligen Paar auf der Herbergsuche in Bethlehem seinen Stall zur Verfügung stellt, kommentiert das so: «Für die Ausländer geht das schon. Die können ruhig zu Ochs und Esel. Die sind sowieso nichts Besseres gewohnt.»
Damit sind wir mitten in der Umgebung, in der Weihnachten 2015 stattfindet: in einem Europa mit seinen Millionen von Flüchtlingen, die eine Herberge suchen wie damals Maria und Josef. Allerdings: Flucht und Flüchtling gibt es nicht erst im Neuen Testament oder erst heute. In der neuesten Ausgabe des deutschen Nachrichtenmagazins «DER SPIEGEL» steht ein Artikel, der zeigt, wie Fluchtgeschichten sehr häufig in der Bibel vorkommen, auch Jahrhunderte vor Jesus.
Ob vor 3000 Jahren im Alten Testament; ob das, was vor 2000 Jahren das «traute hochheilige Paar» erlebt – wie wir im «Stille Nacht singen; oder heute Asylsuchende aus Syrien oder Afghanistan: Immer geht es um Flüchtlinge, die erwarten, menschlich behandelt zu werden. Um Menschen, die möchten, nicht irgendwo zwischen Ochs und Esel abgestellt zu werden. Weil sie menschliche Wesen sind wie wir alle.
Und in diesem Sinne wünsche ich allen – uns Einheimischen wie den Flüchtlingen – ein frohes, menschliches Weihnachtsfest.
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