Walter Ludin

Ferien/Urlaubsstimmung

Mein Kreta(»Alle» sind in den Ferien, nur ihr und ich nicht. Nun, ich befürchte, dass jene, die in den Ferien/im Urlaub sind, meinen Blog nicht lesen. Für die andern möchte ich etwas Ferienstimmung verbreiten, indem ich heute und morgen in zwei Abschnitten meinen Artikel veröffentliche, den ich für das ferment über meine Aufenthalte auf Kreta geschrieben habe.)
Ein Schluck vom Retsina, dem geharzten Weisswein; ein Biss von den Lamm-Koteletten; ein Blick auf das in der Ferne glitzernde ägäische Meer. Kurz darauf der Kauf eines kleinen Souvenirs, da wir uns in Margarites befinden, dem berühmtesten Töpferdorf Kretas. Ich müsse zehn Cents weniger bezahlen als angeschrieben, sagt mir die Verkäuferin. Die schwarz gekleidete Oma deutet auf ein Mitglied unserer kleinen Reisegruppe und erklärt mir geduldig, so dass ich es auch mit meinem äusserst kargen Neugriechisch verstehe (ich übersetze hier wortgetreu): «Person dort – ich gegeben zurück – 10 zu wenig.»Das ist für mich Kreta: der von Udo Jürgens besungene «griechische Wein»; Essen ohne internationale Nivellierung; das fast allgegenwärtige Meer (an der engsten Stelle ist die Insel nur 15 Kilometer breit); eine gastfreundliche, ehrliche Bevölkerung.Älter als «römischer Abfall»Und die uralte Kultur? An kaum einem anderen Ort Europas ist so viel kulturelles Erbe aus Jahrtausenden zu finden. Vielleicht noch in der Stadt Rom? Da höre ich Sir Arthur Evans spotten, der die minoische Hauptstadt Knossos ausgegraben hat. Wenn ihm Dinge aus der Römerzeit in die Hände kamen, warf er sie voller Verachtung fort: «Roman rubish/römischer Abfall». Was er suchte, war 2000 Jahre älter …Viele seiner Fundstücke sind im archäologischen Museum der nahen kretischen Hauptstadt Iraklion ausgestellt. Als die Regierung vor Jahrzehnten – wohl schon damals in Geldnöten! – wichtige Ausstellungsgegenstände in die USA verkaufen wollte, haben Bauern mit Traktoren das Museum blockiert. Auch das ist Kreta!Kultur findet für mich ebenfalls auf der Fortezza statt, der venezianischen Festung von Rethymnon, wenige Hundert Meter vom Pfarrhaus entfernt, in dem ich seit 1984 jeweils für drei oder vier Wochen wohne, als Tourist und Touristenseelsorger. Nach Sonnenuntergang gibt’s hier zum Beispiel Shakespeares «Sommernachtstraum» oder den Auftritt eines russischen Balletts.Bevor damals die zierlichen Tänzerinnen aus Moskau auf die Bühne kamen, trat eine beleibte Putzfrau auf, um die heruntergefallenen Nadeln von Bäumen zusammenzuwischen. Als die Dämmerung hereinbrach, schrie sie plötzlich aus vollem Hals «Fos! (Das griechische Wort für Licht ist uns aus dem Begriff «Fotografie» bekannt.)Ich staune jedes Mal, dass ich und meine Begleiter fast die einzigen Touristen sind, die sich auf der Fortezza zu unvergesslichen abendlichen Vorstellungen einfinden. Hingegen ist die örtliche Schickeria gut vertreten.
Fortzsetzung folgt morgen

15. Juli 2012 | 01:17
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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