Walter Ludin

Es gibt Traurigeres, viel Traurigeres als trauriges Weter

«Traurig, sehr traurig», sagte vorgestern ein Mann im Bus, der zum Luzerner Kantonsspital fuhr. Seine Nachbarin stimmte ihm zu. Ich vermutete, die beiden müssten zu einem Schwerkranken oder sogar zu einem Sterbenden. Fehlanzeige: Die Trauer betraf das «traurige» Wetter …
Auch mich stimmte das Sauwetter nicht unbedingt fröhlich. Doch ich hatte andere Sorgen. Denn ich musste nochmals zu einem Nachuntersuch (nach der Darm-OP vor drei Jahren). Es ging mir gleich, wie es andern in dieser Situation geht: Wir sind zuversichtlich, doch irgendwo in einer hintersten Ecke lauert doch eine kleine Portion Angst: «Was, wenn wieder was Schlimmes gefunden wird? Das ganze nochmals von vorne, mit OP, Chemo, Stoma usw.?» Und ich fragte mich, ob mich das Wetter immer noch stören würde, wenn ich einen solchen Befund bekäme.
Ich hatte Glück. Schon der «Empfang» war herzlich: durch den freundlichen Arzt, der mich operiert hatte und durch seine aufgestellte deutsche Kollegin, die sich freute, mich wiederzusehen und die Pflegefachfrau, mit der ich mich schon bei der Voruntersuchung vor drei Jahren sehr gut unterhalten hatte. Und nach wenigen Minuten war es klar, dass der Krebs nicht zurück war.
Inzwischen war das Wetter noch trauriger geworden. Es störte mich nicht. Und noch an der Busstation bekam ich einen dringenden Anruf: Eine Bekannte, die ich jahrelang seelsorglich begleitet hatte, liege im Sterben. Ich ging zu ihr. Ihre ganze Familie war im Krankenzimmer versammelt. Alle schwiegen. Niemand kümmerte sich um das Wetter.

21. April 2013 | 01:01
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!