Heinz Angehrn

«Erlösung aus Prägung»

Unter diesem Titel hat die in meiner Pfarrei wohnhafte und am Kantonsspital St.Gallen als Leitern der Psychoonkologie tätige Musik- und Psychotherapeutin Monika Renz ein neues Buch geschrieben (Junfermann Verlag Paderborn 2008). Da sie selber auf S.22 Professor Max Küchler als «Doktorvater dieses Werkes» bezeichnet, ist mir sein Status nicht ganz klar. Spannend ist es alleweil, vor allem, weil Monika Renz versucht, das traditionelle Gedankengeflecht um «Sünde» und «Erlösung» mit neuen und doch von der biblischen Botschaft getragenen Inhalten, zudem geprägt und gewachsen durch ihre Tätigkeit mit Krebskranken, zu füllen.
Sie macht gleich zu Beginn den klaren Unterschied zwischen «Sünde» und «Schuld». Während «Sünde als Gewordensein» zur conditio humana gehört und sich hier zunächst keine moralische Frage stellt (S.79), ist «Schuld» das aus ihr folgende «moralisch verwerfliche Handeln». Spricht Renz bei der «Sünde» von einem Opfer-Status des Menschen, der des Erbarmens bedarf, so wird er in der «Schuld» zum Täter und bedarf der Läuterung und der Verzeihung.
«Der Mensch kann nichts dafür, dass er ‘Ich’ wird und dass Ich-Werdung zugleich Abgrenzung von Gott als Ganzem bedeutet. Er kann nichts dafür, dass sein instinkthaftes Tun und Begehren um das Wohl dieses Ichs besorgt ist und in Richtung Leben strebt.» (ebenfalls S.79) Hier wird ganz deutlich, dass diese These auf massiven Widerspruch stossen wird und stossen muss, wo die augustinisch geprägte Vorstellung vom defizitären Menschen, der sich aufs Fleisch und damit aufs Leben eingelassen hat, nicht geteilt wird. Der Widerspruch wird noch grösser, wo die Vorstellung von Gott als «dem Ganzen» bestritten wird.
Wie, wenn der Mensch in seinem fleischlich geprägten Leben positiv gesehen würde, als riesengrosse Chance, dass wieder ein Gedanke Gottes (ich rede bewusst inner-christlich) ein Leben mit Höhen und Tiefen bewältigen kann? Wie, wenn wir endlich Gerhard von Rads kongeniale Deutung von Gen 2f übernehmen würden: «Herausgestossen aus dem Paradies» heisst «hineingestellt in Autonomie», und das erst ist der erwachsene Mensch in seiner Würde.
Dieses Buch mit seiner Grundthese bedarf der Diskussion! Und ich vermute, dass anhand dieser Diskussion die behauptete Legitimität bzw. Illegitimität des begleiteten Suizids in schwerster Krankheit verstanden werden kann.

31. Oktober 2008 | 07:57
von Heinz Angehrn
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