Vera Rüttimann

«Electroboy»

Vom Florian Burkhardt, er as «Electroboy» bekannt wurde, habe ich erstmals in Berlin erfahren. Dort hat der Schweizer einige Zeit lang gelebt. Als am letzten Sonntag in einem Zürcher Kino der  atemberaubende Dokumentarfilm «Electroboy» von Markus Gisler aus dem Jahr 2014 gezeigt wurde, war ich in der Limmatstadt – und ging hin. Er zeigt das Leben des Models, Internetpioniers, Phobikers und Partyveranstalters Florian Burkhardt.

Nicht nur weil er in Berlin lebte, fasziniert mich dieser Mann. Es ist vor allem seine Biographie, die von Fallhöhen erzählt, unausgesprochenen Wahrheiten und vom Ausbruch aus der katholischen Enge einer Familie in der Innerschweiz. Florian Burkhardt floh von seinen Eltern, starte in Hollywood erst eine Schauspielkarriere, wurde dann als bildschöner Mann als Modell entdeckt. Später machte er auch als DJ Karriere. Ich weiss noch, wie er Mitte der 90er-Jahre im «Rohstofflager» in Zürich auflegte.

Dann begann sich das Blatt zu wenden: Es folgte das komplizierte Coming-out eines Jungen aus einer religiösen Familie. Dann die  Diagnose «Generalisierte Angststörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur». Das einst gefeierte Modell landete in der psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich.

Der Dokumentarfilm entwickelt einen ungeheuren Sog, denn nach und nach zeigt sich, warum einer so abstürzen kann. Florian Burkhardt war noch nicht auf der Welt, als seine Eltern bei einem selbst verschuldeten Autounfall ihr jüngstes Kind verlieren. Als Ersatz für den toten Buben zeugen Florian Burkhards Eltern sofort ein neues. Aus Angst, auch ihn zu verlieren, beschützt ihn Florians Mutter, eine streng religiöse Frau,  vor allen Einflüssen der Aussenwelt.

Der Unfall war jahrzehntelang tabu. Der Film zeigt auf berührende Weise, wie nach und nach Fassaden zu bröckeln beginnen und unschöne Wahrheiten endlich ausgesprochen werden können. Pikant: An Ende des Films sieht der Kinobesucher, wie Florian Burkhardt ihren Mann verlässt, allein in ein Altersheim zieht und aus der katholischen Kirche austritt. Ein Film, der lauter Brüche sichtbar macht und auch mich immer wieder neu in den Bann zieht.

Nach der Filmvorführung konnte ich mich mit Florian Burkhard noch unterhalten. So auch über seine Zeit in Berlin.

 

 

 

 

 

 

Bildquellen

  • «Electroboy»: Bildrechte beim Autor
«Electroboy». Dokumentarfilm von Marcel Gisler über Florian Burkhardt. Filmplakat in Zürich. © Vera Rüttimann 2017
31. Oktober 2017 | 00:28
von Vera Rüttimann
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