George Francis Xavier

Eine Zeit, Kirche tief aufzugraben und zu düngen

Jesus erzählt eine interessante Geschichte. Ein Mann schaute drei Jahre hintereinander nach, ob ein Feigenbaum Früchte getragen hat. Er findet keine Früchte. Der Gärtner schlägt vor, dass der Mann doch noch einmal Geduld hat auf ein viertes Jahr warte.

 

Während ich diese Predigt zum Dritten Fastensonntag vorbereitete, gingen meine Gedanken auch auf die Zeit, die die Kirche jetzt durchmacht. Ein Grossteil der Enthüllungen und Erkenntnisse über den Missbrauchsskandal brachte die Kirche in eine der schlimmsten Zeiten ihrer 2000-jährigen Geschichte. Gestern habe ich einen Artikel auf der SRF-Website gelesen mit dem Titel: «Die Missbrauchsfälle haben das Fass zum Überlaufen gebracht»  »Noch nie hat die römisch-katholische Kirche der Schweiz so viele Kirchenaustritte erlebt: Das zeigen die Berichte der Kantonalkirchen, die aktuell ihre Zahlen bekanntgeben».

 

Ist das Herausspringen eine Lösung? Ist der individuelle Kirchenaustritt eine Lösung? Ist die Kirche so verdorben, dass wir einfach alles vergessen, was sie zu dieser Welt auch an Gutem beigetragen hat? Für mich wird es eine Zeit, ihren Boden um sie herum neu aufzugraben und neu zu düngen.  Obwohl es eine Zeit der Prüfung ist, darf man diese Zeit nicht im Müssiggang und in Trägheit verbringen.

Aufgraben und Düngen | © Beat Pfammatter 2019

Es gibt viele Dinge, zu denen tief zu graben ist. Von der Frage der «Gleichberechtigung», zurück zum Konzept des «allgemeinen Priestertums» in der frühen Kirche, Frage des Zölibats, Abwesenheit der Demokratie in der Kirche und in Pfarrgemeinden, in Klöstern, kirchlichen Institutionen. Die Abneigung zu synodalen Wegen, Präsenz der Liebhaber von Hierarchie und machtorientierte Menschen, Übermacht der Priestern – und die Frage wie wir als eine geistliche Gemeinschaft statt nur in einer Institutionsstruktur weitergehen, usw. Es gibt viele Dinge, zu denen man tief aufgraben und Dünger anlegen kann und muss.

 

Die Kirche hat jetzt die Chance, sich selbst zu korrigieren. Mose traf Gott im brennenden Busch. Gott bittet ihn, seine Sandalen auszu

Sandalen vor dem Chorraum | © GFX 2019

ziehen, bevor er sich ihm auf heiligem Boden nähert. Mose hatte keine andere Wahl. Er musste seine Sandalen ausziehen. Dies ist in dieser Situation der Kirche sehr symbolisch und zum Nachdenken anregend. Legen wir die Sandalen ab, die uns von der Realität und von der Bodenhaftung trennen, die uns von der Realität der Zeichen der Zeit trennen. Es ist Zeit für die Kirche sich selbst zu hinterfragen und auf den Boden zurückzukommen. Wir haben nicht nur Sandalen hergestellt, um uns vor Gott etwas grösser zu machen.

So wie Franz von Assisi sich bei seinem Sterben nackt auf der Erde legen lies und sagte: «Wir haben nichts getan, lasst uns alles neu beginnen.» So ist es jetzt Zeit für uns persönlich und für jeden, der die katholische Kirche mitbaut, tief zu graben und den Feigenbaum neu zu düngen. Es ist die letzte Chance. Es ist das vierte Jahr, das in Jesu Gleichnis vom Feigenbaum erwähnt wird. Gott möchte jeden von uns wie im Gleichnis als «Gärtner» einsetzen, um ihm zu helfen, unsere Kirche und Pfarrgemeinden zu pflegen und sie mit Gnade zu bereichern und gemeinsam neu aufzubauen.

 

Rockefeller war ein sehr reicher Mann, der von seinen Führungskräften hohe Leistung forderte. Eines Tages machte einer dieser Manager einen Fehler, der zwei Millionen Dollar Verlust brachte. Als einer der Manager auf den am Schreibtisch sitzenden Rockefeller zuging, blickte dieser von dem Stück Papier auf, auf dem er schrieb, und sagte. «Nun, ich sitze hier und liste alle guten Qualitäten unseres Freundes auf, und ich habe entdeckt, dass er uns in der Vergangenheit ein Vielfaches von dem Betrag als Erfolg eingebracht hat, als den er heute durch seinen einzigen Fehler für uns verloren hat. Seine guten Punkte überwiegen bei weitem diesen einen menschlichen Fehler. Ich denke, wir sollten ihm vergeben, nicht wahr?»

 

Ich denke, wir sollten der Kirche im vierten Jahr die Chance geben, Früchte zu tragen. Nichts ist jenseits der Erlösung. Niemand ist so weit weg gegangen, als dass er oder sie nicht zurückzukommen könnte.

Bildquellen

  • Sandalen vor dem Chorraum | © GFX 2019: George Francis Xavier
Aufgraben und Düngen | © Beat Pfammatter 2019
23. März 2019 | 19:04
von George Francis Xavier
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