Konzilsblogteam

Eine völlig verfahrene Situation

In der 23. Generalversammlung vom 20. November 1962 wurde die Debatte über das Schema «Die Quellen der Offenbarung» fortgesetzt. Wieder meldeten sich 16 Konzilsväter zu Wort. Nach den ersten fünf Rednern hielt das Präsidium des Konzils eine Grundsatzabstimmung für angebracht, ob das Schema «Über die Quellen der Offenbarung» weiter die Diskussionsgrundlage sein solle oder nicht. Der Deutlichkeit halber geschah die Ansage der Abstimmung ausser in lateinischer Sprache in fünf weiteren Sprachen. Gegen Ende der Generalkongregation wurde das Abstimmungsergebnis bekannt gemacht: von 2’209 anwesenden Väter hatten 1’368 mit «Placet» gestimmt, was paradoxerweise bedeutete, sich gegen das Schema als weitere Diskussionsgrundlage zu entscheiden. 822 Väter wollten das Schema als Diskussionsgrundlage behalten. (19 enthielten sich der Stimme bzw. stimmten ungültig.) Damit war eine verfahrene Situation eingetreten. Um ein Schema als Ganzes zu verwerfen wäre nach der Geschäftsordnung eine Zweidrittel-Mehrheit erforderlich gewesen. Diese aber war knapp verfehlt, so dass sich die höchst unbefriedigende Situation ergab, dass die Väter weiter über einen Text diskutieren sollten, den die überwiegende Mehrheit ablehnte.In seinem Votum vom 17. November hatte Kardinal Döpfner in Vorwegnahme des weiteren Vorgehens bereits darauf hingewiesen, dass es nach dem Willen des Papstes ganz die Sache der Konzilsväter sei, ein Schema, das ihnen nicht gefalle, als Ganzes zurückzuweisen und von der Theologischen Kommission von Grund auf neu überarbeiten zu lassen. Kardinal Ottaviani hatte mit Verweis auf das kirchliche Gesetzbuch CIC Kanon 222, § 2 (das Leitungsrecht des Papstes bei einem Konzil) scharf widersprochen, worauf Kardinal Gilroy (Sydney) die Geschäftsordnung des Konzils zitierte, dass jeder Konzilsvater das Recht habe, ein Schema als Ganzes abzulehnen, folglich auch die Gesamtheit der Konzilsväter.Wie sollte es weitergehen? Um einen Weg aus der Sackgasse zu finden, griff Papst Johannes XXIII. ein. Am 21.11.1962 verkündete der Konzilssekretär Felici den Entschluss des Papstes, das Schema «Über die Quellen der Offenbarung» von der Tagesordnung zu nehmen und völlig neu überarbeiten zu lassen.(Hanjo Sauer)

20. November 2012 | 00:03
von Konzilsblogteam
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