Eine Strichzeichnung als Enzyklopädie
Das als Fastenopfer-Hungertuch bekannt gewordene ausgemalte Betrachtungsbild wird uns später beschäftigen. Heute soll sein Prototyp gewürdigt werden. Wichtigste Quelle für beide ist der anonyme «Pilgertraktat», das älteste Druckwerk über Bruder Klaus (wohl 1487). Er gibt den Dialog wieder, den der Autor mit Bruder Klaus im Ranft einst geführt hatte. Stilistische Untersuchungen des Textes erlauben es, die wenigen klaren, kernigen Sätze zur Deutung dieser Skizze eindeutig Bruder Klaus zuzuschreiben. Er wollte dem Pilger sein «Buch» zeigen, ‹worin er lerne und die Kunst dieser Lehre zu verstehen suche’ – und nahm diese Radskizze hervor!
«So ist das göttliche Wesen. Die Mitte bedeutet die ungeteilte Gottheit, in der sich alle Heiligen erfreuen. Die drei Spitzen, die in der Mitte beim innern Ring hineingehen, bedeuten die drei Personen. Sie gehen aus von der einigen Gottheit und haben den Himmel und die ganze Welt umfangen. Und so, wie sie ausgegangen in göttlicher Macht, so gehen sie ein, und sie sind einig und ungeteilt in ewiger Herrschaft.»
So schlicht und klar die Zeichnung, so komplex und unauslotbar das theologische Potential, das Klaus daran festzumachen wusste. Man ahnt die dahinter liegenden 1000 Stunden Austausch mit seinen geistlichen Beratern (s. Blogeintrag vom 31. Januar 2017), Betrachtung, Meditation. Klaus gelangt zu einem dynamischen Verständnis der Dreifaltigkeit Gottes. Gott ist Ausgangs- und Zielpunkt allen Lebens, ja des ganzen Kosmos. Die drei göttlichen Personen gehen aus und ein: Gottes Zuwendung zu seiner Schöpfung und insbesondere zum gefallenen Menschen steht in diesem «Buch» genauso deutlich geschrieben wie deren Heimführung in der göttlichen Mitte, «in der sich alle Heiligen erfreuen».
Ein Programm für die Fastenzeit: Weniger (Bücher, dafür die Wesentlichen) wäre mehr.
Und Gott in der Mitte unseres Lebens.
Fr. Peter Spichtig op
Weiterführende Literatur:
Zitate: Huber (1990), 15 f. ; Stirnimann (1981), 141–192; 297–336.
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