Markus Baumgartner

Eine ländliche Landeskirche fast ohne Austritte

Mit einer über 400-jährigen Kirche kann man auch heute noch glänzen: In Schangnau im Emmental steht die Kirche leicht erhöht und ist ein wichtiger Teil im Dorf geblieben. Das zeigt sich unter anderem an der Zahl der Kirchenaustritte. 

Schangnau befindet sich am äussersten Zipfel des Kantons Bern als Nachbar zum katholisch geprägten Marbach im Kanton Luzern. Das Dorf im Oberen Emmental zählt rund 930 Einwohner und wird nördlich vom Hohgantmassiv geschmückt, das aus einer sieben Kilometer langen Bergkette besteht und den höchsten Gipfel mit  2197 m.ü.M. ausweist. Auf die reformierte Kirche oberhalb des Dorfes ist der Präsident Ernst Aegerter ein bisschen stolz. Dies nicht nur wegen dem schönen Glockengeläute, sondern vor allem wegen dem Zuspruch der Gäste: «Wir sind sehr gut drin mit den Kirchenaustritten.» Ein Phänomen, das er nicht nur vom Hörensagen kennt. Während sich andernorts die Mitglieder nach und nach aus dem Kirchenleben verabschieden, habe man in Schangnau «praktisch keine» Austritte zu verzeichnen, schreibt die «Berner Zeitung». Aber Aegerter will nicht die Hände in den Schoss legen. Er und seine Ratsmitglieder wollen dafür sorgen, dass die Gäste nach dem Kirchgang jeweils noch ein bisschen zusammensitzen können. Deshalb haben sie sich starkgemacht für den Kauf des alten Schulhauses, das sich gleich neben der Kirche befindet.

Sorge um WC und Taufstübli

2019 teilte die politische Gemeinde mit, dass sie das für Schulzwecke nicht mehr genutzte Gebäude verkaufen wolle. Denn einerseits drängten sich Renovationen auf, andererseits braucht die Gemeinde Geld. Der Kirchgemeinderat wollte verhindern, dass das Haus an Dritte verkauft wird. Denn sonst wären auch die nahe WC-Anlage und das Taufstübli verschwunden, schreibt die «Berner Zeitung» weiter. So kam der Rat um Aegerter auf die Idee, für das alte Schulhaus ein Kaufangebot zu machen und im Gegenzug das sich weiter unten im Dorf befindende Pfarrhaus zu veräussern. Für diesen Handel ist an der Kirchgemeindeversammlung ein Rahmenkredit von 1,2 Millionen Franken genehmigt worden. 

Tief verwurzelte Bäuerin

Vor Ernst Aegerter war die Bäuerin Ursula Hadorn-Wittwer während neun Jahren Präsidentin der Kirche Schangnau. Wie es ihre Art ist – «schön eines nach dem andern» – legte sie dieses Amt ab, als sie 2018 als Präsidentin des kirchlichen Bezirks Oberemmental gewählt wurde. «Für mich ist die Kirche nicht nur Predigt und beten. Durch die heutige, rationalisierte, fusionierte Zeit bleiben die Menschen oft auf der Strecke. Die Werte der Kirche sind für alle da, in der Zeit der Freude und dem Leid», sagte Ursula Hadorn in einem Porträt der «Berner Zeitung». Durch ihre Lebenserfahrung weiss sie, dass in der heutigen, materialistischen Gesellschaft die Menschen oft auf der Strecke bleiben. Das Engagement für andere ist Ursula Hadorn seit jeher ein persönliches Anliegen: «Weme e guete Ton wott träffe, mues me ufenang lose, bim singe u im Läbe», ist die dankbare Bäuerin überzeugt. Sie kam 1980 durch die Heirat mit Daniel Hadorn nach Schangnau. Den Spruch des bekannten Urwaldarztes und Pfarrer Albert Schweizer begleitet Ursula Hadorn schon seit vielen Jahren: «Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er eine Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch nicht ein Auto, wenn man in einer Garage steht.»

Bewegte Kirchengeschichte

Durch die Reformation erhielt Schangnau 1530 eine eigene Kirche und wurde 1594 zur eigenen Kirchgemeinde erhoben. Der erste Pfarrer in Schangnau war Michel Keisereisen. 1618 wurde eine neue Kirche gebaut. Während des Ersten Villmergerkrieges wurde an der Kirche grosser Schaden angerichtet. Es musste eine neue Kanzel erstellt werden. Sie trägt die Jahrzahl 1657. Neben geschnitzten Verzierungen zeigt sie am Hutrand eine Inschrift auf lateinisch. Sie lautet: «Verbum Domini In Aterrnum Esa  (Jesaja 40,8).» Das heisst übersetzt: Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. Die Eingangstüre ist eines von vielen Beispielen dafür, mit welcher Liebe und mit wie viel handwerklichem Geschick die Kirche gebaut wurde: Der Drücker ist aus einem Fisch und einer Taube geformt. Beide sind alte christliche Symbole.

Quelle Kirchenvisite.ch
23. November 2021 | 06:14
von Markus Baumgartner
Teilen Sie diesen Artikel!