Erich Schweizer

Eine App gegen die Sünde

Die Frage, ob wir sündigen können, ohne es zu wissen, ist wohl so alt wie die Frage nach der Theodizee. Sie hat jetzt eine definitive Antwort gefunden. Ja.

Laura ist eine begnadete Gestalterin und Typografin, hat es aber nicht so besonders mit Doppelkonsonanten, ies und ahs, kurz, sie leidet unter einem Defizit, das unsere Lehrbücher als Legasthenie bezeichnen.

Laura beklagt sich seit Jahren bei mir: «Wenn ich ‹Schlaf› mit ‹h› schreibe, aber ‹lahm› ohne, dann zeigen alle halbwegs gebildeten oder zumindest nicht legasthenischen Menschen mit Fingern auf mich. Die gleichen Leute bringen dann ihre Communiqués und Flugblätter selber in eine ‹druckfertige› Form. Dank Word, InDesign, Scribus und wie die Programme alle heissen, ist das für sie kein Problem – meinen sie. Nur: Sie haben keine Ahnung von Typografie, nicht einmal von den banalsten Schreibregeln. Sie kennen den Unterschied nicht zwischen einem Anführungs- und einem Zoll-Zeichen, geschweige denn einem Guillemet, und denken bei einem Halbgeviertstrich im besten Fall an etwas Unanständiges. Sie massen sich schamlos an, meine Aufgabe der korrekten Zeichensetzung und Gestaltung zu übernehmen, während ich mich nie erdreisten würde, ihre Texte orthografisch zu verändern. Dabei sind die typografischen Schreibregeln genauso Teil des Rechtschreib-Dudens wie die Orthografie. Wenn ich nicht sicher bin, wie ich ein Wort schreiben muss, schlage ich es im Duden nach. Die meisten selbsternannten Textgestalter aber wissen nicht einmal, dass es im Duden verbindliche Regeln für die Verwendung von Sonderzeichen und Abkürzungen gibt …»

Lassen wir Laura weiter vom Leder ziehen – wo sie Recht hat, hat sie nun mal Recht – und kehren wir zurück zu unserer Eingangsfrage.

Typografische Sünden

Wenn eine Architektin mitten in eine historische Häuserzeile eine silberfarbene Alphütte setzt, begeht sie eine Bausünde. Wenn der Gast eines italienischen Restaurants die Spaghetti zuerst mit dem Messer zerschneidet, um sie sich anschliessend mit dem Löffel in den Mund zu schaufeln, ist das eine kulinarische Sünde. Schreibt die Leiterin der Fachstelle ein Communiqué für eine breitere Öffentlichkeit, ohne korrekte Gedankenstriche, Anführungszeichen und Leerschläge zu setzen, darf dies mit Fug und Recht als typografische Sünde bezeichnet werden, egal, ob sie sich dieser Schandtat (gern geschehen, Laura) bewusst ist oder nicht.

Eine App hilft

Dank der App «Zeichen setzen» von Ralf Turtschi, dem Schweizer Typografie-Papst, gibt es noch weniger Grund als früher, typografisch zu sündigen. Das Programm für iPhones und Androids zeigt, bezogen auf die Schweizer Regeln, wie man korrekt mit Satz- und Sonderzeichen umgeht. Ein kurzer Text erklärt die Bedeutung jedes Spezialzeichens und zeigt, wie man es am Computer eingibt, wenn es auf der Tastatur nicht zu finden ist. Die kostenlose App ist ein Muss für alle, die regelmässig schreiben und lieber durch solides Handwerk auffallen möchten als durch typografische Todsünden.

Übrigens: Sind Ihnen die beiden üblen Schreibregel-Fehler im Aufdruck der Schüttelbrot-Verpackung auch gleich aufgefallen?

www.zeichen-setzen.ch

Sehr zerbrechlich – mit Liebe umgehen | © Erich Schweizer
28. April 2014 | 09:38
von Erich Schweizer
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