Walter Ludin

Ein Wort (nicht nur) zur Ferienzeit

«Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind und ruht ein wenig aus.»
Eine schönere und passendere Evangelien-Stelle als die heutige kann es für die Ferienzeit kaum geben. Doch, Ruhe, Entspannung: Dies sind Themen, die nicht nur mit Ferien zu tun haben. Im Gegenteil: Erst recht im hektischen Alltag sind sie äusserst wichtig.
Nochmals das Wort «Ent-spannung»: Ich erinnere mich, dass wir schon vor über 50 Jahren in der Schule das Aufsatzthema hatten: «Allzu straff gespannt zerspringt der Bogen.»
Sie sind sich wohl mit mir einig: Heute, ein halbes Jahrhundert später, ist das Thema noch viel aktueller: heute, wo viele von uns immer erreichbar sein müssen durch das Handy; wo Stress schon längst ein Modewort ist; wo viele unter Burn-out leiden, sich leer und ausgebrannt fühlen.
Da ist es wichtig, ja buchstäblich überlebenswichtig, dass wir uns immer wieder bewusst Zeit nehmen, Zeit für uns selbst. Ich darf hier an das biblische Hauptgebot der Liebe erinnern. Wir haben wohl vergessen, dass das Hauptgebot nicht nur heisst:
«Du sollst den Nächsten lieben
sondern auch:»… wie dich selbst».
Ein lieber Bekannter von mir, Xaver Pfister, nennt diese legitime Selbst-Liebe den «vergessenen dritte Klang»: Der 1. Klang ist die Gottesliebe, der 2. Die Nächstliebe, der 3. eben die Liebe zu sich selbst. (…)
Sich selber lieben; achtsam mit sich umgehen. Wir können auch sagen: Gelassener werden. Ich habe vor vielen Jahren im Rex-Verlag zwei schon längst vergriffene Büchlein über Gelassenheit veröffentlicht. Daraus möchte ich drei kurze Anregungen herausnehmen.
Als 1. ein Wort von Papst Johannes XXIII: als er einmal vor lauter Sorgen nicht einschlafen konnte, sagte er zu sich selbst: «Giovanni, nimm dich nicht so wichtig.»
Tatsächlich, auch als sonst so bescheidene Menschen tun viele so, als ob die ganze Welt von ihnen abhängen würde.
Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom Vogel, der auf dem Rücken liegt. Als er gefragt wurde, was er in dieser komischen Stelle täte, antwortete er: «Ich stütze den Himmel, damit er nicht einstürzt.» Ein Windhauch kaum, wehte ein Blatt vorbei, der Vogel erschrak und zog seine Beine ein. Da geschah das Überraschende: Der Himmel stürzte nicht ein.
Eine 2. Einsicht: Nehmen wir unsere Probleme nicht so tierisch ernst: Ein Freund von mir sagte jeweils: Intergalaktisch (von den Milchstrassen aus gesehen) ist das Problem nicht so tragisch. Ich habe dies auch schon öfters erleben, wenn ich unter dem Sternenhimmel über Schwierigkeiten nachgedacht habe. Vieles relativiert sich. Noch kurz eine 3. Anregung: Lernen wir, Nein zu sagen
Dies fällt uns schwer, weil wir Angst vor Liebesentzug haben: Angst davor, dass man uns nicht mehr gern hat.
 Dazu kommt die Angst, dass wir als untüchtig angesehen werden.
Da hilft der Glaube weiter: Vor Gott sind wir wertvoll, auch wenn wir nicht viel oder sogar überhaupt nicht mehr leisten könnten.
 Wir sind wertvoll, weil wir Menschen sind und nicht weil tüchtig sind. Für uns Glaubende hängt unser Selbstwertgefühl letztlich nicht von Arbeit/Leistung ab. —–
Liebe dich selbst. Gehe sorgsam mit dir um. Dies ist überlebenswichtig. Oft kam es schon vor, dass jemand – salopp gesagt – zusammengeklappt ist und dann von seinen lieben Mitmenschen hören musste: «Warum warst du nicht gescheiter und hast nicht besser für dich geschaut?» Dann aber war es schon zu spät.
Darum, nehmen wir,  bevor es zu spät ist, die Einladung Jesu an: «Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind und ruht ein wenig aus.» Diese Einladung gilt nicht nur für die Ferienzeit. Denn:  Sorge zu uns tragen: Das müssen und dürfen wir das ganze Jahr!

19. Juli 2015 | 01:49
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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