Konzilsblogteam

Ein schwerer Start für das Kirchenschema

Bald nach der Konzilsankündigung zeichnete es sich ab, dass eine eingehende Reflexion dem Selbstverständnis der Kirche gewidmet sein müsse. Die Wendungen, welche die Bearbeitung des Themas auf dem Weg von der Vorbereitung über die ersten Debatten bis zur Schlussabstimmung zur Konstitution Lumen Gentium am 21. November 1964 nahm, stehen beispielhaft für die wechselvollen konziliaren Prozesse. Die Arbeit am Entwurf begann im Jahr 1960 und gestaltete sich als Suche nach Ausgleich ganz unterschiedlicher Interessen. Die Theologische Kommission wünschte einen Text in Kontinuität zur Enzyklika Mystici Corporis vom 29. Juni 1943, welche den mystischen Leib Christi mit der katholischen Kirche identifizierte und ihre Einzigartigkeit herausstellte. Das Einheitssekretariat auf der anderen Seite suchte den Blick über die eigenen Grenzen hinaus zu richten.Am 23. November 1962 wurde das Schema De ecclesia verteilt. Kardinal Léon Suenens sorgte sich um eine einseitige Akzentsetzung und ersuchte schon vor der Publikation des Entwurfes den Löwener Theologen Gérard Philips, eine Überarbeitung an die Hand zu nehmen. Noch im Oktober führte dieser im Angelikum eine erste Aussprache zum Thema, an der mehrere der später einflussreichen Theologen teilnahmen: Yves Congar, Giuseppe Colombo, Karl Rahner, Joseph Ratzinger, Otto Semmelroth, Joseph Lécuyer und Marco Mc Grath.Als Kardinal Alfred Ottaviani am 1. Dezember 1962 in der 31. Generalkongregation das Kirchenschema vorstellte, war es durch die begonnenen Revisionsarbeiten faktisch bereits überholt. Der Kommissionssprecher versuchte gar nicht erst, diese Tatsache zu verschleiern. Vielmehr gab er offen bekannt, es sei bereits vor der Publikation des offiziellen Schemas die Arbeit an einer Konkurrenzvariante aufgenommen worden. Mit einiger Selbstironie – wie Yves Congar in seinem Tagebuch festhielt – bekannte er sich zur absehbaren Erfolglosigkeit des offiziellen Entwurfs: «Schon stehen jene zum Kampf bereit, die gewöhnlich rufen: Hinweg, hinweg damit, ersetzen!» («tolle! tolle! substitue illud!»). Dies sei nun der Fall, obwohl der Text sorgfältig vorbereitet und auch vom Papst approbiert worden sei. Mit Hinweisen, die in bemerkenswerter Weise die akzeptierten Ideale der frühen Konzilsarbeit erkennen lassen, suchte er dennoch das offizielle Schema in ein günstiges Licht zu rücken. Immerhin habe man sich, so erklärte Ottaviani, um einen Text bemüht, der nicht scholastisch, sondern möglichst pastoral, biblisch und allgemein verständlich argumentiere. Er sage dies, weil er durchaus in der Lage sei, die üblichen Litaneien der Konzilsväter zu antizipieren, nämlich: «non est oecumenicum, est scholasticum, non est pastorale, est negativum et alia huiusmodi» [«es ist nicht ökumenisch, es ist scholastisch, es ist nicht pastoral, es ist negativ und dergleichen»]. – Mit seiner Einschätzung sollte der Kommissionspräsident Recht behalten: Das Kirchenschema erfuhr zwischen den ersten beiden Konzilsperioden eine grundlegende Überarbeitung.(Markus Ries)

1. Dezember 2012 | 10:06
von Konzilsblogteam
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