Walter Ludin

Ein persönnliches Wort

Meine Ängste(Am Donnerstag in der Zeitschrift SONNTAG erschienen, als «Wort zur Woche»)Ich pack mein Köfferchen, um mir im Spital die dritte und hoffentlich letzte Runde meiner Chemotheraphie anzutun (wobei ich mir angewohnt habe, den Akzent auf «Therapie» zu legen). Falls alles klappt, werde ich bald wieder einigermassen bei Kräften sein.Angefangen hat das Ganze vor über einem halben Jahr. Ich dachte, bei meiner gesundheitlichen Störung handle es sich um eine Bagatelle und sprach den Arzt erst Monate später bei einer Routineuntersuchung darauf an.Dann, bei der dritten Konsultation wurde das ominöse Wort ausgesprochen: «Ihr Krebs ist …» Ich hatte immer gedacht, ein solches Urteil würde mich am Boden zerstören, zumal ich ein ängstlicher Mensch bin. Doch ich ertrugs einigermassen mit Fassung. In einer stillen Stunde fiel mir ein: Seit ich 20 bin, hatte ich ungefähr alle 15 Jahre eine schwere Krise. Aus den ersten beiden bin ich bloss mit leichten Schäden herausgekommen. Warum sollte es nun beim dritten Mal anders sein?Der Reihe nach: Ein halbes Jahr vor meiner Matura hatte ich eine vegetative Dystonie mit zum Teil heftigen Herzrhythmusstörungen. Je mehr ich vor der Verschlimmerung Angst hatte, umso schlimmer wurde es. Noch gravierender waren die sozialen Ängste wie die Frage, ob ich kurz vor der Matura aufgeben musste. Was würde dann aus mir werden? Im Nachhinein muss ich sagen: Die Störung wäre banal geblieben, wenn ich cool und angstfrei mit ihr umgegangen wäre.Rund 15 Jahre später geriet ich in einen Konflikt mit einem Menschen, auf den das böse Wort zutrifft: «zu nichts nütze und zu allem fähig». Tatsächlich konzentrierte sich die schwierige Person darauf, mit Lug, Trug und List andere in Bedrängnis zu bringen. Es war für mich ein schwacher Trost, als ich allmählich entdeckte, dass etwa zehn Personen aus meinem Bekanntenkreis ebenfalls ihr Opfer waren. Und kaum einer konnte sich gegen sie wehren, da sie immer neue fiese Taktiken anwandte. Wenigstens einer von ihnen segelte aus Angst vor ihren Verleumdungen knapp an einem Herzinfarkt vorbei. Je mehr die Sache eskalierte, umso mehr wuchsen in mir die Ängste. Doch da geschah es plötzlich: Unerwartet fiel mir der Satz aus Konstantin Weckers Kultsong «Willy» ein: «Freiheit hoasst koa Angst ham vor nix ond neamands.» Damit verschwanden meine Ängste und ich wusste mich zu wehren. Zurück zur Gegenwart: Ich fragte mich, ob ich diese dritte Krise psychisch so gut bestanden habe, weil mein Angstpotential aufgebraucht war. Psychologen werden mir wohl bestätigen, dass so etwas kaum der Fall sein kann. Ich denke aber, dass ich aus der Vergangenheit vor allem eines gelernt habe: Ängste machen alles nur noch weit schlimmer. Ausserdem hatte ich das Glück, das mir das kommende Unheil nur häppchenweise in Aussicht gestellt wurde. Hätte ich am Anfang erfahren, dass ich innerhalb sieben Woche drei Operationen und gleich darnach eine beginnende «chemische Reinigung» durchzustehen hätte, wäre ich wohl trotz allem verzweifelt. Ausserdem hatte jede Hiobsbotschaft auch ihre positive Kehrseite. So schlimm ein Befund jeweils war, konnte der Arzt praktisch jedes Mal eine gute Prognose hinzu fügen.Und ganz wichtig: Ich bin beeindruckt, ja gerührt, wie viele liebe Menschen versprochen haben, «die Daumen zu drücken» oder für mich zu beten. So etwas machte mir und macht mir weiterhin Mut. Übrigens: Ich wollte aus meiner Krankheit kein Medienereignis machen. Doch «meine» Schüpfheimer Geistheilerin Vreny Zehner riet mir, meine positiven Erfahrungen aufzuschreiben. Sie könnten sicher für jemanden eine Hilfe sein.

24. August 2010 | 18:14
von Walter Ludin
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