Philip Steiner

Ein Frühling der geistlichen Berufungen

Etwas, was mich hier in den USA immer wieder zum Staunen bringt, sind die zahlreichen geistlichen Berufungen. Neben St. Meinrad habe ich während meiner Zeit in den Vereinigten Staaten zwei weitere Seminare besucht und überall ist das Fazit dasselbe: Es gibt so viele Seminaristen wie seit zwanzig Jahren nicht mehr – Tendenz steigend. Die Erzdiözese St. Louis, in welcher ich mich am vergangenen Wochenende aufgehalten habe und leicht kleiner ist als das Bistum Basel, zählt in diesem Jahr nicht weniger als 42 Seminaristen! Es scheint, dass in praktisch allen Diözesen der USA die Zahl der Seminaristen zunimmt. Auch bei den Orden scheint sich eine Trendwende abzuzeichnen: Zwar haben manche Gemeinschaften praktisch keinen Nachwuchs, doch gibt es im Allgemeinen auch hier viele Hoffnungszeichen. So meinten mehrere Ordensleute, die in St. Meinrad zu Gast waren, auf die Nachwuchssituation in ihrer Gemeinschaft angesprochen: «Wir können uns eigentlich nicht beklagen.»
Wenn ich auf die kirchliche Nachwuchssituation in der Schweiz schaue, stimmt mich das etwas nachdenklich. Selbstverständlich lassen sich unsere Verhältnisse nicht leicht mit jenen in den USA vergleichen und in den vergangenen acht Monaten ist mir eines noch klarer geworden: Die Amerikaner ticken einfach anders! In den Vereinigten Staaten ist der Glaube im Alltag sehr viel präsenter und die Amerikaner sind ein sehr emotionales und begeisterungsfähiges Volk. Zudem spielt die Katholische Kirche in den Vereinigten Staaten eine Gegenrolle zum politischen und gesellschaftlichen Liberalismus und hat vielerorts einen sehr traditionell-konservativen Touch. Das färbt natürlich auch auf die Seminaristen und jungen Ordensleute ab. Dennoch begegne ich hier vielen jungen Leuten, die ich mir auch für die Kirche in der Schweiz wünschen würde. Es sind ganz normale junge Menschen, die von einer grossen Liebe zu Gott, der Kirche und den Menschen erfüllt sind – und dabei mit beiden Füssen auf dem Boden stehen.
Was macht diesen grossen Unterschied zur Situation in der Schweiz aus? Es fällt auf, wie viel Energie in die Berufungspastoral gesteckt wird: personell und finanziell. Die Verantwortlichen nutzen die modernen Kommunikationsmittel und sprechen die Sprache der jungen Menschen. Auf Homepages, YouTube, Facebook und im persönlichen Gespräch werden die Jugendlichen auf eine mögliche Berufung angesprochen – und das nach gut amerikanischer Manier ziemlich direkt.
Doch selbstverständlich geht es bei allem Aktivismus nicht ohne das Gebet. Denn Berufungen sind ein Geschenk und nichts ist so ansteckend wie eine mit Freude und Hingabe gelebte Berufung. In St. Meinrad schliesst das Tischgebet nach jedem Abendessen jeweils mit folgenden Worten: «Möge unsere brüderliche Liebe und unser guter Eifer viele dazu bewegen, sich mit uns auf den monastischen Weg zu begeben, durch Christus unseren Herrn. Amen.»
fr. Philipp
PS: Es lohnt sich, auf www.youtube.com die Stichworte «vocations video» einzutippen und einfach mal rumzustöbern, was die amerikanischen Diözesen und Klöster für die Berufungspastoral so machen. Einer meiner Favoriten ist das Video meiner Gastgeber über die Kar- und Ostertage: Saint Joseph›s Abbey bei New Orleans.

20. April 2013 | 15:36
von Philip Steiner
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