Ein Brieflein vom hochwürdigsten Nuntius
«Ironie steht einem Ordensmann nicht gut an, vor allem wenn sie mit Ignoranz verbunden ist.» Der Nuntius in Bern protestierte vor etlichen Jahren mit diesen Worten wegen einem Artikel von mir. Selbstverständlich bekam nicht ich den Protestbrief, sondern mein Provinzial. Mit gewöhnlichen Leuten zu korrespondieren wäre für einen päpstlichen Diplomaten unter seiner Würde.
Was meine damalige «Ignoranz» angeht: An einem Seminar über das Ordensleben beklagte sich eine Oberin bitterlich, der Nuntius habe ihr im Namen des Vatikans eine strengere Klausur aufzwingen wollen. Ich berichtete dies, allerdings mit einem ironischen Unterton. Dies musste dem hohen Herrn in Bern nicht gefallen. Aber dass er die gesicherten Fakten abstritt, war wohl nur mit einer grosszügigen Interpretation des 8. Gebots möglich.
Nun aber möchte ich nochmals dem Botschafter a.D. Franz Birrer das Wort erteilen. Im bereits zitierten Artikel zieht er das folgende Fazit:
Auf bilateraler Ebene, das heisst bei den Beziehungen zu einzelnen Staaten, ist die päpstliche Diplomatie höchst fragwürdig geworden. Es ist nicht einzusehen, weshalb ein Vertreter oder Statthalter des Papstes bei den Ortskirchen diplomatischen Status haben soll. In gleicher Weise ist nicht erkennbar, welche Aufgaben von Belang den staatlichen Botschaftern beim Hl. Stuhl übertragen werden könnten. Auf multilateraler Ebene, das heisst in internationalen Organisationen und Konferenzen, sollte die katholische Kirche ihre Friedensmission und ihre moralisch-ethische Aufgabe dagegen auf einer modernen Basis – nicht auf der Basis einer Institution, die im Mittelalter entstanden ist – wahrnehmen können.
Das Völkerrecht erfährt seit einiger Zeit einen Strukturwandel vom rein zwischenstaatlichen Recht zum Völkergemeinschaftsrecht, so dass auch so genannte Nichtregierungs-Organisationen in der völkerrechtlichen Ordnung mehr und mehr eine wichtige Rolle spielen. Es sind denn auch schon Vorschläge gemacht worden, die es der katholischen Kirche, aber auch andern Organisationen wie dem Oekumenischen Rat der Kirchen in Genf, ermöglichen würden, als normale nicht-staatliche Völkerrechtssubjekte bestimmte Funktionen (Friedensmissionen, Mitarbeit in nicht-politischen Organisationen der UNO und anderswo) auszuüben. So könnte das «Problem Hl. Stuhl» zukunftsweisend gelöst werden, was der Glaubwürdigkeit der Kirche bestimmt sehr dienlich wäre.
Gerne schicke ich Interessierten den Volltext des Artikels von Franz Birrer: wludin@bluewin.ch
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