Ein Brief für die Armut
Im Juni 1964 schreibt eine Gruppe von Arbeiterpriestern, die ihren Weg mitten im Arbeitsleben nicht aufgegeben hatten, einen 12seitigen Brief an die Konzilsväter. Sie wollen von ihren Erfahrungen aus darlegen, welches die Gründe für die Entfremdung der Arbeiterschaft von der Kirche sind.
«Die Kirche zeigt sich ihm [dem Arbeiter] zunächst als eine wirtschaftliche, politische und kulturelle Macht, der es im Kapitalismus wohl ergeht. […] Sie versteht sich gut mit den kapitalistischen und sogar faschistischen Staaten, und die Vorsteher der Kirche lassen sich von diesen gerne wie die Grossen der Welt behandeln». Die Ausdrucksformen christlicher Spiritualität – als Milde, Verzeihung der Ungerechtigkeiten, gleiches Wohlwollen für alle, Almosen – werden als zu wenig politisch bedeutsam kritisiert. «Kurz, man lehre sie hauptsächlich ein Evangelium, das in der individuellen menschlichen Beziehung gelebt wird, ohne besonders die wirtschaftliche und politische Umgebung in Frage zu stellen, in der die Menschen leben».
Der evangelische Rat der Armut bedeute nicht nur, «den Schein des Reichtums aufzugeben», sondern «wirklich die Armut der Mittel zu wollen. Alles, was aus der Kirche eine Macht macht, führt uns einen Schritt näher zum Atheismus».
(emf; Zitate aus Sauer, Hanjo: Die Kirche als das pilgernde Volk Gottes. Zur Entstehung und Bedeutung der dogmatischen Konstitution Lumen gentium. In: ders; Haunerland, Winfried: Liturgie – Spiegel des Kirchenbildes. Wer das Volk Gottes ist und wie es feiert. Graz: Styria premium, 2013 [Kardinal König Bibliothek 3], 10-62, 53f).
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