Walter Ludin

«Du denken!»

Das Konzil war ein AnfangUnser Sakristan auf Kreta (ich bin jeweils im Sommer drei Wochen aus Touristenseelsorger in Rethymnon) tippt sich jeweils an die Stirne, wenn er ein Problem gelöst hat und sagt voller Stolz: «Ich denken.» Oder er fordert mich auf: «Du denken!»Daran habe ich mich erinnert, als mir der Festvortrag von Wolfgang Beinert über die Stellenwert des II. Vatikanischen Konzils wieder unter die Augen kam (er hatte ihn am 9. Januar gehalten. Der Titel der Veranstaltung (Karl Rahner-Akademie): «Weiter denken.»Zuerst bezeichnet Beinert die Turbulenzen um die «Versöhnung» mit den Pius-Brüdern als List des Heiligen Geistes. Denn sie hätten dazu geführt, dass viele sich wieder mit dem Konzil befassten: «Wir bleiben weiterhin dem konziliaren Ansatz verhaftet.Das heißt ferner: Diese Treue ist Treue des Denkens. Die konziliaren Texte sind keine Mantras, die man nur wiederholen muss, um ihren Segen zu gewinnen. Sie sind vielmehr ständig kritisch zu befragen, fortzuschreiben, gegebenenfalls auch zu korrigieren. Weiter denken heißt endlich – und erst da stehen wir in der Dynamik der Geschichte und in der Dynamik des Konzils – umfassender, globaler, universaler, kurzum – in des Wortes Urbedeutung – katholischer zu denken.»
Eine Grundlage dazu sieht Beinert in der Pastoral-Konst. Gaudium et Spes, Nr. 92:»Auch wenn (die Heilige Synode) eine in der Kirche anerkannte Lehre vorträgt, wird sie, da es sich nicht selten um Dinge handelt, die einer unablässigen Entwicklung unterworfen sind, immer noch weiter verfolgt und ausgebaut werden müssen»
Kurz und gut: Wir dürfen dankbar sein für alle, die im Geiste und in der Dynamik des Konzils weiterdenken. Sie dürfen stolz sagen: «Ich denken.»

24. Februar 2010 | 01:29
von Walter Ludin
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