Heinz Angehrn

Die Zürcher Aufführung: Emilias Derniere

Berichtet wird hier von der Aufführung am Sonntag, den 13.Oktober (aus reisetechnischen Gründen ist der Schreibende gezwungen, Aufführungen am Nachmittag zu besuchen – die Kritiken erscheinen darum in zeitlich rechtem Abstand zu den Premieren).

Worum es in «Vec Makropulos» geht und welche weltanschaulichen Fragen vom Stoff dieser Kom/Tragödie aufgeworfen werden, wurde hier schon berichtet. So geht es nun darum, dreierlei zu berichten: 1. Was hat der Regisseur aus dem Stoff gemacht? 2. Wie meisterte die Sängerin der Hauptrolle ihre Aufgabe? 3. Betrifft/Interessiert uns diese Aufführung?

Ad 1) Dmitri Tcherniakov (1970) ist kein Neuling mehr in Zürich. In der Intendanz Homoki hat er schon Janaceks erfolgreichste Oper, «Jenufa», und dann Debussys «Pélleas et Melisande» inszeniert, beides als psychologisierende Dramen in Innenräumen. Was er aber hier vorlegt, ist eine sensationelle Deutung, klug durchdacht, ja geradezu ein Ratespiel zwischen Regisseur und Zuschauern. Denn es wird die Komödie und die Tragödie gleichzeitig gespielt: Vordergründig Capeks doch eigenartige Geschichte, deren Textpointen von den Sängern bewusst lustvoll in einem prachtvollen Einheitsbühnenbild (ein Raum von Anfang des 20.Jahrhunderts, ein vom Sturmwind gebeugter Herbstbaum vor dem Fenster) und in wunderschönen zeitlosen Kostümen vorgetragen werden. Hintergründig geht es aber um das effektive Sterben der Sängerin der Hauptrolle, der nur noch zwei Monate bleiben (wie wir in der Ouvertüre per Einblender samt Röntgenbildern informiert wurden) und die selbstbewusst und selbstbestimmt voll leben und voll sterben will. So fällt am Schluss alle Kulisse, alles war Theater im Theater (noch vom TV gefilmt), der Suizidant hat sich bestens erholt, und Emilia stirbt zum Schlussapplaus. Sie spielte zwar eine ewig Lebende, doch ihr tatsächliches Leben war kurz. Toll!

Ad 2) Etwas undankbar ist diese Oper für alle Sänger/innen jenseits der tragenden Rolle. Wie kleine Trabanten umkreisen sie den riesigen Fixstern, tauchen auf und treten wieder ab, meist frustriert, unzufrieden, wütend oder traurig. Aufgefallen in Zürich sind trotzdem alle, denn die Nebenrollen waren genial präzis (bis hin zum Alter der Sänger/innen) besetzt. Der junge Engländer Sam Furness mit seinem hellen Tenor als Albert (der Ururenkel, der mit seiner Ururgrossmutter anbandelt, nur schon das war umwerfend komisch) und die ebenfalls junge Deutsche Denis Uzun als Krista (die ihren Geliebten zuerst an die Diva und auch noch per Suizid verliert) mit selbem Stimmvolumen wie die Marty gefielen mir besonders.
Evelyn Herlitzius (1963) ist seit Jahren eine der «Grossen» im hochdramatischen Fach. Aufführungen in Bayreuth und Salzburg haben sie für die Operngeschichte unsterblich gemacht. Nun trat sie in der «Altersrolle» der Emilia auf und war an diesem Nachmittag in bester stimmlicher Verfassung, Es tönte nach Brünnhilde und Elektra zugleich, dies aber eben mitten in Janaceks spätromanisch-emotionalen Wogen, von einem üppig besetzen Orchester unter dem jungen Dirigenten Jakub Hrusa deutlich präziser und klangtiefer als in Mackerras Referenzaufnahme von 1991 gespielt.

Ad 3) «Männer umschwirren mich wie Motten das Licht, und wenn sie verbrennen, ja dafür kann ich nicht» – was uns bei Professor Unrat und seinem Engel morbide daherkommt, das ist hier eine todernste Sache: Wollen wir immer jung, immer schön, immer potent, eben unsterblich sein? Diese Emilia will von Anfang nicht (mehr), sie will nur noch eines, in Schönheit und Würde, bei vollem Bewusstsein und im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit und unter gebührendem Applaus abtreten.

Es sei eingestanden: Wegen Aufführungen wie dieser lohnen sich dann die nächsten 10 oder 20 mediokeren, an denen manches zu bemängeln ist. Denn manchmal, wenn sich der Vorhang schliesst, ist das Wunder wieder geschehen: Vollkommenheit, im Zusammenspiel von Musik, Gesang und Regie.

Bildquellen

  • homepage opernhaus zürichh: Opernhaus Zürich
© Opernhaus Zürich
14. Oktober 2019 | 08:00
von Heinz Angehrn
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