Markus Baumgartner

Die Spiritualität im Gehirn entdeckt

Heilt Spiritualität von Sucht und Depression? Forscher unter der Leitung von Michael Ferguson der US-Universität Harvard haben spezifische Hirnschaltkreise identifiziert, die mit dem Gefühl der Menschen für Spiritualität zusammenhängen. Diese Hirnregion ist mit Schmerzhemmung, Altruismus und bedingungsloser Liebe verbunden. Das Ergebnis der Forscher war überraschend. 

Religion und Wissenschaft scheinen keine natürlichen Partner zu sein. Bei dem einen geht es darum, Dinge im Glauben anzunehmen. Beim anderen geht es darum, vor einer Schlussfolgerung wiederholbare Evidenz zu finden. Aber die Kluft muss gar nicht so gross sein: Beide Bereiche stellen ähnliche Fragen nach dem, was wichtig ist. Der Unterschied liegt oft in der Reihenfolge und der Herangehensweise. Eine Überzeugung setzt sich oft durch, lange bevor sie bestätigt wurde, berichtet das US-Onlineportal «Health Day». So etwa wie die von Jesus aufgestellte Goldene Regel: «Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!»  (Matthäus 7,12). Die Regel ist eine alte christliche Tradition – der wissenschaftliche Nutzen von Mitgefühl und menschlicher Verbundenheit ist inzwischen erwiesen. «Die Wissenschaft versucht herauszufinden, wie die Menschen am besten leben können», sagt Maurice J. Elias, Professor für Psychologie an der Rutgers University. «Die Religion versucht, die beste Art zu leben zu entdecken», schreibt das Onlineportal «Greater Good Magazine» der Universität Berkeley. 

Studie ging neue Wege

Wissenschaftler vermuten seit langem, dass Religiosität und Spiritualität bestimmten Schaltkreisen im Gehirn zugeordnet werden können, aber der Ort dieser Schaltkreise bleibt unbekannt. Nun gibt es eine neue Studie: Sie bediente sich neuartiger Technologien und des menschlichen Konnektoms, einer Karte der neuronalen Verbindungen. Damit wurde ein Schaltkreis im Gehirn identifiziert, der die Spiritualität unserer Persönlichkeit zu vermitteln scheint. Die Arbeit erscheint in der Zeitschrift Biological Psychiatry, die vom Onlineportal Elsevier herausgegeben wird.

Dr. Michael Ferguson ist Forscher am «Center for Brain Circuit Therapeutics» am Brigham and Women’s Hospital in Boston (USA) sowie Instruktor in Neurology  an der «Harvard Medical School» und Dozent für Neurospirituality an der «Harvard Divinity Schoo». Eine Studie unter seiner Leitung zeigt, dass sich die Hirnschaltkreise der Spiritualität um ein Hirnstammgebiet namens periaqueduktales Grau (PAG) konzentrieren. Dies ist eine Hirnstammregion, die zuvor bei der Angstkonditionierung, Schmerzmodulation und altruistischem Verhalten eine Rolle gespielt hat. Die Ergebnisse ergänzen die Forschung, die versucht, die biologische Grundlage der menschlichen Spiritualität zu verstehen. «Dass Spiritualität tief in unserem Nervensystem verankert zu sein scheint, hat meine Sichtweise auf Spiritualität verändert», erklärt Michael Ferguson gemäss dem Onlineportal von SRF. Was dieses Ergebnis genau bedeutet, möchte er nun noch weiter erforschen.

Mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung religiös 

Michael Ferguson stellt fest: «Patienten berichten routinemässig, dass spirituelle und religiöse Erfahrungen zu den bedeutungsvollsten Ereignissen ihres Lebens gehören. Dennoch hat sich die medizinische Wissenschaft in der Vergangenheit gescheut, die Auswirkungen der Spiritualität oder ihre physiologischen Mechanismen empirisch zu untersuchen.» Gemäss Studien bezeichnen sich über 80 Prozent der Weltbevölkerung als religiös. Und noch mehr bezeichnen sich als spirituell. Dies wird oft als Glaube an Kräfte definiert, die nicht objektiv bewiesen werden können. Oder als eine Verbindung zu etwas, das über einen selbst hinausgeht.

Frühere Studien über die Rolle des Gehirns bei der Spiritualität haben grösstenteils funktionelle MRT-Scans verwendet, die zeigen, dass bestimmte Hirnareale «aufleuchten», wenn sich Menschen zum Beispiel eine frühere spirituelle Erfahrung vorstellen. Es ist jedoch nicht klar, ob diese Hirnregionen tatsächlich dazu beitragen, Spiritualität zu kultivieren, oder ob sie lediglich mit solchen Erfahrungen korreliert sind. Ferguson: «Wir wollen nach mehr als nur Korrelationen suchen. Wir suchen nach Ursachen.» 

Sie fanden heraus, dass Läsionen, die Parkinson-ähnliche Symptome verursachten, sich mit positiven Knotenpunkten des Schaltkreises überschnitten – ähnlich wie Läsionen, die mit verminderter Spiritualität in Verbindung gebracht wurden. Andererseits kreuzten sich Läsionen, die Wahnvorstellungen hervorriefen, mit dem Schaltkreis auf ähnliche Weise wie Läsionen, die mit erhöhter Spiritualität verbunden waren. Nichts davon, so betonte Ferguson, impliziert, dass Spiritualität eine Wahnvorstellung ist oder dass Menschen Parkinson entwickeln, weil sie nicht spirituell genug sind. Vielmehr, so Ferguson, deuten die Ergebnisse auf eine «gemeinsame Neuroanatomie» zwischen Spiritualität und bestimmten Symptomen hin.

Anwendungen bei Sucht und Depression

Marc Potenza ist Professor für Psychiatrie an der Universität Yale und hat die Verbindung zwischen Gehirn und Spiritualität untersucht. Er bezeichnete die neuen Ergebnisse als sehr interessant und sagte, dass Forscher dem menschlichen PAG in Zukunft vielleicht mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. Laut Potenza könnte es therapeutische Anwendungen geben. Viele Menschen, die sich von einer Sucht oder Depression erholen, nennen beispielsweise Spiritualität als eine wichtige Komponente: Die Erforschung der Spiritualität könnte also dazu beitragen, den Genesungsprozess besser zu verstehen und zu erleichtern.

Falls das nach «New Age» klingt: Ferguson merkte an, dass Heilsysteme und Spiritualität zu allen Zeiten und in allen Kulturen «in einer Beziehung zueinander standen». Erst in der jüngeren Geschichte, so Ferguson, seien moderne Medizin und Spiritualität voneinander getrennt worden. Der Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger Thomas Südhof hat einmal gesagt, dass wir momentan maximal fünf Prozent der Vorgänge in unserem Gehirn verstehen. Die Neurologie steckt noch in den Kinderschuhen.

Bild Quelle consumer.healthday.com
28. Dezember 2021 | 18:53
von Markus Baumgartner
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