Markus Baumgartner

Die neue Gottesanbieterin

Sie ist eine der grossen Dichterinnen und Sprachartistinnen unserer Zeit. Und schwer einzuordnen: Lyrikerin, Slam Poetin, Direktorin – und jetzt noch bekennende Christin. Das zeigt ihr neuer Gedichtband «Gottesanbieterin». Die Deutsch-Schweizerische Doppelbürgerin Nora Gomringer tritt gern und furchtlos auf. Ihre Lyrik stiftet gute Laune und Erkenntnis.

Nora-Eugenie Gomringer (40) ist eine schweizerisch-deutsche Lyrikerin und lässt mit ihrem neuen Gedichtband aufhorchen: «Gottesanbieterin». Das ist kein Verschreiber: Das Buch der renommierten Autorin heisst nicht «Gottesanbeterin». «Mit jedem Gebet biete ich ihnen meine Vorstellung von Gott und meinen Glauben etwas an», sagt sie zum Titel. Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin wagt sich wieder über eine Grenze und bekennt sich zum Christentum. Sie bietet ihre Sicht der Welt. Im silbrig-spiegelnden Gedichtband erblicken die Leserinnen und Leser sich selbst. Nora Gomringer schreibt sich darin die Trauer über den Tod des nahen Freundes vom Leib. Aber nicht nur das: Sie rührt an die grossen Themen des Lebens, Abschied, Wandlung, Liebe, dichtet nah am Leben, schreibt Radio SRF, die mit Nora Gomringer ein «Tagesgespräch» im virtuellen Raum führte, das an den Solothurner Literaturtagen hätte stattfinden sollen.

Öffentlich zum Glauben bekennen

Nora Gomringer schreibt Gedichte über Gott – eine Seltenheit im Literaturbetrieb. Ihre Texte sind keine brave Erbauungsliteratur, sondern nähern sich mit Witz und Hintergründigkeit den grossen Themen des Lebens. «Ich biete meine Sicht und mein Verständnis vom Glauben, meine Sicht auf Gott.» Für sie ist jedes Buch ein Verhandlungsort. Man unterbreitet eine Verhandlungsgrundlage. Wer als Kritiker dann genau hinschaue, könne die Spur erkennen. Es ist selten, dass sich eine junge Person, die Poetry Slam macht und renommierte Literaturpreise gewann, sich absichtlich und öffentlich als gläubige Christin bekennt. Da sei aber weder bei Kollegen noch bei der Leserschaft eine Irritation entstanden, sagt sie: «Ich nehme wahr, dass es fast so etwas wie eine neue Bekennerwelle gibt. Das Bekenntnis zum Glauben ist nicht so selten, aber es ist viel leiser. Wer sich zum Glauben ausspricht, muss fürchten, stark kritisiert zu werden.» Wer glaubt, verfüge bei Fragen wie «Warum glaube ich?» oder «Wie kann ich in diesen Zeit glauben?» über wenige Mittel zur Verteidigung. Dies weil die Kirche, «wo wir Glauben verankert sehen und meinen», so stark kritisiert werde. Nora Greminger dazu: «Ich habe eine sehr positive Kirchenerfahrung gemacht, als ich Kind und Jugendliche war. Ich habe mich sehr aufgehoben gefühlt in der Kirche.» 

Die Lyrikerin hält es für einen grossen Verlust, die lange Tradition des Christentums einfach so aufzugeben. Zu ihrem christlichen Glauben erklärt sie: «Ich hatte nie eine Vertrauenskrise mit Gott. Meine Gottgläubigkeit ist in einem ruhigen Kinderzimmer meines Gehirns abgespeichert, da passieren keine Stürme. Das Kinderzimmer ist immer offen und leicht auffindbar.»

Vom Magischen zum Kritischen

Kommt das Buch gut an? «Ja», sagt die Autorin: «Als Corona anfing und der Aufruf zum Zuhausebleiben kam, gab es viele Bestellungen. So viel Irritation über mich als gläubige Person gibt es nicht.» Sie propagiere im Buch nicht eine gewisse Kirchenzugehörigkeit: «Es geht um die eigene Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben und der eigenen Fähigkeit zum Glauben. Wir gehen in unserem Erwachsenwerden sehr schnell vom Magischen zum Kritischen über. Dieses Kritische entfernt leider viele vom Glauben – oder vom Wohlgefühl und der Aufgehobenheit, das in einem Glaubensbekenntnis auch liegen kann.» 

Nora Gomringer wuchs als Tochter des bekannten Professors und Dichters Eugen Gomringer in einem von Literatur geprägten Haushalt auf. Nach dem Studium der Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte arbeitete sie an verschiedenen Orten in Deutschland und den USA. Zuerst eroberte sie die deutsche Poetry-Slam-Szene, seit 2006 konzentriert sich Gomringer auf die Lyrik. 2010 übernahm sie die Leitung des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg, das sie im Auftrag des Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst leitet. Sie engagiert sich leidenschaftlich und pflichtbewusst für ihre Kunstschaffenden. Sie erhielt schon zahlreiche Lehraufträge und Aufenthaltsstipendien in Venedig, New York, Ahrenshoop, Nowosibirsk und Kyoto  – auch im Namen des Goethe Instituts und der Pro Helvetia. Als freie Schriftstellerin ist sie seit 2000 verlegt. Es liegen neun Lyrikbände und zwei Essaybände sowie zahlreiche Einzelveröffent- lichungen vor. Zudem gibt es viele Formen der Zusammenarbeit mit Musikern und Bildenden Künstler, die ihr Werk abrunden und es beständig erweitern.  

P.S. Gottesanbieterin, 95 Seiten. Gedichtband. Voland & Quist. ISBN 978-3-86391-250-5

Bild Quelle nora-gomringer.de von Judith Kinitz
1. Juni 2020 | 08:39
von Markus Baumgartner
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