Die «Guten» und die «Bösen»
Wir müssen die Bibel mit Verstand lesen. Und nicht einzelne isolierte Sätze daraus heraus pflücken.
Wer die Bibel gut kennt, könnte erraten, worum ich heute dieses Thema behandle. Es ist die Aussage Jesu im heutigen Evangelium: «Wer nicht gegen uns ist, ist für uns.» Nun, es gibt im Evangelium genau den gegenteiligen Satz: «Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.»
Widerspricht sich hier Jesus? Wusste er nicht mehr, was er an anderer Stelle gesagt hat? Sicher nicht. Die Antwort liegt auch hier im Grundsatz: Man schaue den Zusammenhang an.
«Wer nicht gegen uns ist, ist für uns», das sagte er, als ein Mensch im Namen Jesu Gutes tat, ohne zu seinen Jüngern zu gehören.
«Wer nicht für uns ist, ist gegen uns» wird ergänzt durch «Wer nicht mit uns sammelt, zerstreut.» Hier hat wohl jemand sein eigenes Süppchen kochen wollen. Er hat sich vielleicht profiliert, indem er sich auf Jesus berief. Er hat die Jüngergemeinschaft gespalten, so wie heute vielleicht ein Parteimitglied eine eigene Partei gründet und so der ursprünglichen Partei schadet …
Auch wenn wir den zweiten Teil des heutigen Evangeliums nicht mit Verstand lesen, kommen wir auf Unsinniges. So wenn es heisst, es wäre gut, einem Menschen, der Ärgernis im Glauben hervorruft, einen Mühlstein um den Hals zu hängen und ihn ins Meer zu werfen. Es kann doch nicht sein, dass Jesus, der Freund der Sünder, zur Todesstrafe aufruft.
Wenn wir seine Aussage verstehen wollen, müssen wir wissen: Er war Orientale. In ihrer Rhetorik, in ihrer Sprechkunst neigen diese zu Übertreibungen. Und zur Sprechkunst gehört es, Bilder zu gebrauchen.
Jesus wollte sicher nicht, dass ein solcher Mensch zerstört wird. Ja, er warnte davon, zu versuchen, das Böse, das Unkraut, auszureissen. Man könne nicht immer genau wissen, was Nutzkraut und Unkraut sei. Auf die Menschen angewandt könnte dies heissen: Keiner ist nur gut, keiner ist nur Böse. Jemand hat gesagt: «Der Mensch ist wie ein Zebra, schwarz-weiss gestreift.» Oder wie kürzlich im Zug ein Mann zu seiner Nachbarin ganz laut sagte: «Wissen Sie. Ich bin ein Dalmatiner. Ich habe schwarze Flecken.»
Auch Papst Franziskus sprach vor drei Tagen in den USA dieses Thema an, und zwar im Blick auf die Weltpolitik. Er warnte den gastgebenden Staat vor einem «grob vereinfachenden Reduktionismus», der die Welt in Gut und Böse einteile, in «Gerechte und Sünder». Die heutigen Weltprobleme erlaubten keine solche Form von Polarisierung.
Damit hat der Papst einen tragischen Zusammenhang angetönt. Es gab vor nicht langer Zeit US-Präsidenten, die nach dem Attentat von 2001 zu einem «Kreuzzug gegen das Böse» aufriefen. Einer ihrer Vorgänger sprach sogar von Harmagedon. der endzeitlichen Entscheidungsschlacht im «Krieg des grossen Tages Gottes», des Allmächtigen», wobei die USA selbstverständlich an der Seite Gottes stünden und die Russen den Teufel verkörperten.
Nebenbei gesagt: Experten wie zum Beispiel Arnold Hottinger, den Sie sicher vom Radio her kennen, verweisen darauf, wie Bushs Kampf gegen das Böse das Böse erst richtig zum Blühen brachte. Denn in den Gefängnissen, in die Saddam Husseins Offiziere geworfen wurden, sei die Terrorgruppe des «Islamischen Staates» entstanden. Alles wurde noch viel, viel schlimmer als vorher.
Zurück zum Papst: Hier einige Originaltöne seiner Rede vor dem US-Parlament:
«Unsere Antwort muss dagegen eine Antwort der Hoffnung und Heilung, des Friedens und der Gerechtigkeit sein. …. Unsere Bemühungen müssen darauf ausgerichtet sein, wieder Hoffnung zu geben, Ungerechtigkeiten zu korrigieren, Verpflichtungen treu einzuhalten und so das Wohl der Einzelnen und der Völker zu fördern. Wir müssen gemeinsam und geschlossen vorangehen, in einem neuen Geist der Brüderlichkeit und der Solidarität, und hingebungsvoll für das Gemeinwohl zusammenarbeiten.»
Ich muss nichts hinzufügen.
Fräkmünt am Pilatus, So 10 Uhr
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